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Exit: Was passiert, wenn man sein Startup an einen Konzern verkauft

Masterplan Gründer
Masterplan-Gründer Daniel Schütt (l.) und Stefan Peukert (Foto: Siliva Neumann)

Exit: Wie die Employour-Gründer ihr Startup an einen Konzern verkauften

Die Geschichte von Stefan Peukert und Daniel Schütt ist alles andere als alltäglich für das Ruhrgebiet. Als eines der wenigen Startups ist ihnen mit Employour ein spektakulärer Exit gelungen.

Im Oktober 2015 verkauften sie ihr Bochumer Startup, das vor allem mit den Karriereportalen Ausbildung.de und MeinPraktikum.de erfolgreich war, für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag an die Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr.

Sechs Jahre nach Gründung haben sie ihr Unternehmen, das inzwischen TerritoryEmbrace heißt, verlassen und sind gerade dabei, mit ihrem neuen Startup Masterplan.com durchzustarten.

Über das intensive und turbulente Jahr, als ihr Startup zum Konzern wurde und wie so ein Exit überhaupt abläuft, darüber haben wir mit Daniel und Stefan im Interview gesprochen.


Ihr hattet schon früh Angebote von Unternehmen auf dem Tisch. Warum habt Ihr Euch erst fünf Jahr nach Eurer Gründung für den Exit entschieden? 

Stefan: Angebote hatten wir tatsächlich die ganze Zeit lang. Die ersten kamen ungefähr zwei, drei Jahre nach Gründung von Employour. Damals war es aber noch viel zu früh für einen externen Partner. Die Organisation war da noch gar nicht soweit. Wir mussten erstmal unsere Strukturen festigen und für uns entscheiden, in welche Bereiche wir noch hineingehen wollen.

Irgendwann kommt dann aber der Zeitpunkt, an dem Größe und Reichweite den klaren Vorteil bringen, das Wachstum zu beschleunigen.

Also haben wir uns hingesetzt und überlegt, welche Optionen wir haben, das Unternehmen größer zu machen. Ob wir das allein leisten können oder ob wir einen strategischen Partner brauchen, der zum Beispiel eine bestimmte Reichweite mitbringt, um die Unternehmensentwicklung zu beschleunigen. Dafür war 2015 der richtige Zeitpunkt gekommen.

Wenn solch ein Entschluss fällt, wie geht man dann vor, was ist der erste Schritt? 

„Für uns war wichtig, dass wir die Sache wirklich strategisch angehen und uns dazu starke Partner mit an Bord holen.“
Stefan: Für uns war wichtig, dass wir die Sache wirklich strategisch angehen und uns dazu starke Partner mit an Bord holen. Es war ja das erste Mal, dass wir so etwas machen.

Wir haben uns deshalb als ersten Schritt eine M&A Boutique dazugeholt, also eine Beratung für Fusionen und Unternehmensverkäufe. Die hat den gesamten Prozess unterstützt und sehr eng begleitet. Angefangen damit, dass das ganze Zahlenwerk unseres Unternehmens aufbereitet und das Pitch-Deck erstellt wurde, bis hin zu den Verhandlungen, die für uns geführt wurden.

Bei der Auswahl war uns wichtig, dass die Berater Komponenten mitbringen, die wir selbst nicht haben. Wir brauchten also jemanden, der auch mal sagt, dass Termine eingehalten werden müssen und der schon mal einiges von uns fernhält, damit wir uns auf das Tagesgeschäft konzentrieren können.

Wie läuft der Prozess dann im Einzelnen ab bis zum tatsächlichen Verkauf? 

Daniel: Es geht los damit, dass wir zusammen mit den M&A-Beratern zunächst mal eine Liste mit potenziellen Partnern erstellt haben. Das waren in unserem Fall ungefähr 30 verschiedene Unternehmen.

An die wird ein komplettes Pitch-Deck verschickt, in dem wir unser Unternehmen vorstellen, aber auch deutlich machen, welche Erwartungen wir an den Partner haben. Daraufhin melden sich circa 15 Interessenten zurück, die sich uns genauer anschauen möchten.

Man kann sagen, dass sich in jeder Auswahlstufe die Anzahl der Interessenten halbiert. Mit den 15 Unternehmen gibt es dann persönliche Kennenlerntermine mit Präsentationen und Management Meetings. Die Termine dauern teilweise vier bis fünf Stunden.

Wenn danach beidseitiges Interesse besteht, geht es in die nächste Stufe. Das war bei uns Ende August, Anfang September. Dabei wird ein sogenannter Datenraum aufgemacht, in dem die verbliebenen fünf oder sechs Interessenten Zugang zu allen möglichen Daten unseres Unternehmens haben, zu jeder einzelnen Rechnung, zu jeder einzelnen Kennzahl.

Dort können die Unternehmen auch Fragen stellen. Das lief an vielen Tagen so ab, dass wir morgens aufgestanden sind, uns um neun den Datenraum angeschaut haben, in dem wieder 120 neue Fragen der verschiedenen Unternehmen drinstanden. Diese Fragen haben wir dann bis abends zehn Uhr abgearbeitet und sind wieder schlafen gegangen.

Das war teilweise schon wirklich anstrengend. Deswegen ist es auch wichtig, dass man mit den M&A Beratern Partner hat, die so etwas ein bisschen moderieren. Ende September waren es dann noch drei Interessenten und Mitte Oktober stand die Entscheidung fest, dass wir mit Bertelsmann zusammengehen.

Welche Kriterien waren ausschlaggebend für Bertelsmann? 

Stefan: Für uns war auf der einen Seite ausschlaggebend, dass das Team und der Standort erhalten bleiben und dass es keinen Stellenabbau gibt. Auf der anderen Seite musste der Partner echte strategische Vorteile für uns mitbringen, und das war bei Bertelsmann ganz klar gegeben.

Sie hatten beispielsweise viel Erfahrung im Arbeitgebermarken-Bereich und darüber hinaus mit ihrem Produkt Blicksta sehr viel Know-how im Matching- und Technologiebereich. Das waren Dinge, die wir sehr gut bei uns integrieren konnten.

Wie lief dann der eigentliche Tag des Verkaufs ab, wie hat sich das für Euch angefühlt?

Stefan: Das war schon eine besondere Situation. Es ist ja nichts, was von heute auf morgen passiert, sondern etwas, was sich langsam abzeichnet und auf diesen einen bestimmten Tag zuspitzt.

Die Vorbereitung darauf beginnt eigentlich schon ein paar Wochen vorher mit der Prüfung und Detailanpassungen des Vertrags, der so um die 450 Seiten hat. An dem Tag selbst, bei uns war es der 25. Oktober 2015, lesen die Anwälte beider Parteien den Vertrag laut vor, weil er notariell beglaubigt werden muss.

„Man könnte ja erwarten, dass dann die Korken knallen und man im Partymodus ist. Bei uns war das aber gar nicht so.“
Die Anwälte sind mit unserer Vollmacht ausgestattet, und wir selber sind eigentlich nur für die letzte Unterschrift und die Fotos dort und natürlich, um den Arbeitsvertrag für Bertelsmann zu unterschreiben.

Danach war es ein sehr merkwürdiges Gefühl. Man könnte ja erwarten, dass dann die Korken knallen und man im Partymodus ist. Bei uns war das aber gar nicht so. Wir sind danach nur noch was essen gegangen, haben ein Bier aufgemacht und sind dann schon um 18 Uhr nachhause gefahren.

Es hat sich eher leer als nach Party angefühlt. Vielleicht auch, weil uns nach diesem intensiven Prozess eine Last oder ein Druck von den Schultern gefallen ist.

Daniel: Viel Zeit, den Prozess zu reflektieren und zu verarbeiten hatten wir dann auch nicht, weil es am nächsten Tag gleich wieder an die Arbeit ging. Da ging es los mit der Konzernintegration.

Wie war die erste Zeit als Konzern?

Stefan: Es war ein natürlich ein ganz anderes Arbeiten. Nicht von einem Tag auf den anderen, aber sukzessive. Entscheidungen beispielsweise, die wir vorher zu zweit und schnell getroffen haben, wurden jetzt im mehrköpfigen Gremium entschieden.

Das Arbeiten wurde generell strukturierter, und es wurden mit der Integration von Prozessen die Grundlagen für ein wirklich großes Wachstum geschaffen.

2016 habt Ihr Euch entschlossen, komplett auszusteigen. Was waren eure Gründe? 

Stefan: Es war ja so, dass wir fünf, sechs Jahre wirklich Vollgas gegeben haben – mit Employour, mit MeinPraktikum.de, mit Ausbildung.de und den anderen Portalen. Das war eine sehr intensive Zeit, die noch intensiver wurde mit dem Zusammenschluss mit Bertelsmann.

Ab einem gewissen Zeitpunkt, einer gewissen Größe und Struktur müssen dann einfach andere Skills mit eingebracht werden, als die, die wir mitbringen. Dann wird es Zeit, die Leitung an andere abzugeben.

„Es war für uns auch einfach Zeit, zu reflektieren, was die letzten Jahre passiert ist und auch mal wieder durchzuatmen und Luft zu holen.“
Für die Übergangsphase war uns wichtig, dass wir sie komplett begleiten. Ich glaube da haben wir zusammen mit Bertelsmann eine fantastische Übergabe und Einarbeitung hinbekommen, sodass wir auch das Gefühl hatten, loslassen und die Leitung in andere Hände geben zu können.

Daniel: Es war für uns auch einfach Zeit, zu reflektieren, was die letzten Jahre passiert ist und auch mal wieder durchzuatmen und Luft zu holen.

Wie war Euer letzter Tag und was habt Ihr nach Eurem Ausscheiden gemacht? 

Stefan: Wir haben eine fantastisch-gute Abschiedsparty gemacht! Die war wirklich groß und legendär hier im Bermudadreieck. Das war natürlich auch ein sehr emotionaler Moment für uns.

Danach brauchte ich erstmal ein bisschen Zeit, um zu reflektieren, was gut gelaufen ist und was nicht so gut und was man besser machen kann. Ich habe neun Monate in San Francisco gelebt, auch um das Silicon Valley besser kennenzulernen und zu verstehen, wie dort Unternehmen aufgebaut werden und wie sie es schaffen, auf eine bestimmte Größe zu kommen, wie die Gründerkultur dort aufgestellt ist und wie die Technologie.

Daniel: Ich bin einfach erstmal zuhause geblieben, habe viel gelesen und natürlich viel Zeit mit meiner Familie verbracht.

Stefan, du bist dann wieder zurück nach Bochum gekommen. Wann stand fest, dass ihr wieder was zusammenmacht?

Stefan: Als wir ausgestiegen sind, stand das noch gar nicht fest. Eigentlich wollte ich in den USA bleiben und dort was Neues machen. Daniel und ich haben uns aber immer super verstanden und konnten uns immer blind vertrauen.

Deswegen haben wir gesagt, dass wir uns Anfang Dezember mal zu einem kleinen Ideenworkshop treffen. Daraus ist die Idee zu Masterplan.com entstanden. Da waren wir sofort wieder Feuer und Flamme.


Dieser Beitrag erschien zuerst in RuhrGründer – Der Guide für Gründer und Startups im Ruhrgebiet. Das 200 Seiten starke Buch beleuchtet anhand von Gründerstorys die rasante Entwicklung der Startup-Szene im Ruhrgebiet. Eine spannende Lektüre für alle ambitionierten Gründerinnen und Gründer, die ihr Startup im Revier aufbauen wollen.

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Geschrieben von
Carmen Radeck

Carmen ist Journalistin, Autorin und leidenschaftliche Aktivistin für die Gründerszene im Pott. Seit 2014 betreibt sie das Startup-Portal RuhrGründer.de und ist Mitgründerin von Events wie RuhrSummit, Fuckup Nights Ruhrgebiet und Female Founders Ruhr.

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