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(Foto: Cowomen/Unsplash.com)

Coding Bootcamps Europe macht Quereinsteiger*innen zu IT-Profis

Ich bin ja gerade auf dem Trip, nach Unternehmer*innen aus dem Ruhrgebiet Ausschau zu halten, die mit ihrem Startup von Anfang an mehr bewegen wollen als nur Business zu machen. Genau solche sind Mareike Kirch und Robin Böhm, die gerade dabei sind, mit Coding Bootcamps Europe an den Start zu gehen.

Solche Bootcamps, wo Quereinsteiger in wenigen Monaten zu IT-Profis ausgebildet werden, gibt es inzwischen ja schon einige. Die Herangehensweise von Mareike und Robin ist dabei aber eine besondere. 

Ihr Konzept richtet sich vor allem an Menschen, die in ihrem (Berufs-)Leben etwas verändern wollen. Neben Programmier-Wissen gibt’s für die Teilnehmer*innen deshalb zusätzlich noch ein Coaching, um herauszufinden, welcher Karriereweg für jeden der passende ist.

Dabei ist den beiden wichtig, dass jeder Mensch die Chance haben soll, diesen Weg einzuschlagen, unabhängig seiner sozialen Situation. Deshalb arbeiten sie an Möglichkeiten, auch Förderungen von bis zu 100 Prozent anbieten zu können.

Das erste Bootcamp geht Anfang 2021 an den Start.

Im Interview erzählen Mareike und Robin, 

  • wie die Idee zu Bootcamps Europe eher zufällig entstanden ist, 
  • wie sie sich von anderen Bootcamps unterscheiden, 
  • warum ihnen Diversität und Inklusion so wichtig sind und 
  • wie sie sicherstellen, dass sie hier die richtigen Schritte gehen, auch wenn es zu Anfang noch nicht perfekt laufen kann.

Mareike Kirch und Robin Böhm von Coding Bootcamps Europe im Interview

Robin Böhm und Mareike Kirch von Coding Bootcamps Europe

Hallo Ihr zwei! Ihr startet bald mit den Coding Bootcamps Europe. Worum geht’s dabei genau?

Mareike: Hey Carmen, danke für die Einladung! Wo fangen wir an?

Bei Coding Bootcamps wollen wir Menschen in kurzer Zeit auf einen Karriereneustart in der IT vorbereiten.

Dafür durchlaufen unsere Teilnehmer:innen sehr kompakte und spezialisierte Programmier-Intensivausbildungen, in denen sie perfekt auf den Berufseinstieg vorbereitet werden.

Das Besondere bei uns ist, dass wir diese Ausbildung mit einem Business Coaching kombinieren.

Hierbei unterstützen wir alle Teilnehmer:innen individuell beim Formen der eigenen beruflichen Zukunft.

Ob der Sprung in die Selbstständigkeit, eine andere Stelle mit stärkerem digitalen Fokus im selben Unternehmen oder etwas komplett Neues – wir finden ‘raus, was zu unseren Teilnehmer:innen passt und definieren ihren Lern- und Karrierepfad mit ihnen gemeinsam.

Unser erster Kurs im Februar 2021 wird Webentwickler:innen in einem drei Monate langen Vollzeit-Programm ausbilden. Es wird aber auch bald andere Kurse geben, in denen wir UI/UX Design und Data-Science lehren.

Außerdem erweitern wir in Zukunft unsere Formate und planen unter anderem auch Teilzeit-Kurse. Wir fokussieren uns für den Start zuerst sehr auf das Ruhrgebiet, da wir hier sehr viel Potenzial für positive Veränderung sehen.

“Wir glauben, dass die Metropole Ruhr das Silicon Valley von Europa werden kann.”

Mareike Kirch, Coding Bootcamps Europe

Wir glauben, dass die Metropole Ruhr das Silicon Valley von Europa werden kann. Bewusst haben wir hierbei dem Camp den Sammelbegriff „Code Camp Ruhrgebiet” gegeben, denn egal ob Essen, Dortmund, Bochum, Duisburg, Wattenscheid oder Mühlheim – jede Stadt ist besonders, aber als Gemeinschaft ist der „Pott“ einfach unschlagbar.

Wie ist die Idee entstanden?

Robin: Haha, das war sehr lustig. Die Idee ist im Grunde die Verschmelzung unserer beiden Geschäftsideen zu einer neuen gemeinsamen!

Mareike hat Mitte 2019 ihren „sicheren Konzernjob” gekündigt, in dem sie schon lange nicht mehr glücklich war. In dieser Zeit haben wir uns oft unterhalten und ich fand es extrem spannend und richtig, was sie tut.

Ich habe ihre Entscheidung unterstützt und mich über jeden neuen Schritt gefreut, den sie in ihr neues Leben gemacht hat. Sie hat ihre Energie und den Willen nach Veränderung in ihrem Leben genutzt und die Coaching Agentur „Fuck You Comfort Zone” gegründet.

Mareike: Bevor ich tatsächlich den Schritt der Kündigung gegangen bin, habe ich mich schon intensiv mit den Themen New Work, Persönlichkeitsentwicklung, sowie alternative Lebens- & Arbeitsweisen beschäftigt und auseinandergesetzt.

Diese Themen spielen nach wie vor eine entscheidende Rolle in meinem Leben und meiner Arbeit. So bin ich Anfang des Jahres zufällig in einem Podcast über das Format der Coding Bootcamps gestolpert und war sofort fasziniert.

Robin: Parallel dazu habe ich mich schon längere Zeit mit Coding Bootcamps beschäftigt.

Da ich seit 2013 mit Workshops.de bereits „fertige Entwickler:innen” erfolgreich ausbilde, hat mich die Thematik der Coding Bootcamps als sinnvolle Erweiterung schon länger interessiert.

Ich habe mit vielen Menschen aus Bootcamps gesprochen, sowohl mit Teilnehmer:innen und Trainer:innen, als auch mit befreundeten Unternehmen wie 9Elements, welche mir wertvollen Input gegeben haben.

Je genauer ich mir die Thematik anschaute, desto öfter habe ich bei den meisten Bootcamps festgestellt, dass der Fokus oftmals nur auf Masse und Geldverdienen lag und gar nicht so sehr auf Qualität und Mehrwert für die Teilnehmer:innen.

Die Gewinnmargen, die diese Unternehmen erwirtschaften, würden aber durchaus deutlich mehr ermöglichen, ist aber wohl nicht der Fokus – was ja auch vollkommen okay ist.

Meine persönliche Motivation ist aber eine andere. Somit habe ich begonnen, eine Vision und einen Plan für ein Bootcamp zu formen, welches wirtschaftlich arbeitet und trotzdem maximalen Mehrwert für die Teilnehmer:innen erzeugt.

“Wir beide haben das Ziel, Menschen dabei zu helfen, einen Job zu finden, der sie glücklicher macht und besser zu ihrem Leben passt.”

Robin Böhm, Coding Bootcamps Europe

Mareike und ich haben uns also einige Monate immer wieder über unsere beiden Projekte unterhalten und jeweils Stück für Stück vorangebracht.

Wir sahen viele Parallelen und Überschneidungen, die unseren Austausch zielführend gestalteten. Denn wir beide haben das Ziel, Menschen dabei zu helfen, einen Job zu finden, der sie glücklicher macht und besser zu ihrem Leben passt.

Irgendwann kam der Punkt, an dem wir unsere jeweiligen Gebiete sehr gut verstanden haben. Das war der Moment, an dem wir begonnen haben, über sinnvolle Kombinationen und eine Zusammenarbeit nachzudenken.

Als wir dann mehr und mehr über die direkte Kombination aus Business Coaching und IT-Ausbildung gesprochen haben, erkannten wir schnell das riesige Potenzial dieser Kombination.

Wir fingen an, an einer gemeinsamen Geschäftsidee zu arbeiten, welche unsere Stärken kombiniert: Coding Bootcamps Europe war geboren.

Wen betrachtet Ihr denn als Eure Kernzielgruppe und wo seht Ihr deren spezielles Problem, für das Ihr welche Lösung bieten wollt?

Mareike: Unsere Kernzielgruppe sind motivierte Quereinsteiger. Also Menschen, die bereits Berufserfahrung mitbringen, aber etwas in ihrem Leben ändern möchten.

Der Wunsch nach beruflicher Veränderung kann natürlich verschiedene Ursachen haben. Daher möchten wir vor allem Menschen ansprechen, die in ihrem derzeitigen Job unzufrieden sind und die sich beruflich umorientieren möchten.

Das Problem, für das wir mit Coding Bootcamps Europe eine Lösung bieten wollen, ist folgendes:

Viele Arbeitnehmer:innen sind mit ihrem Job nicht zufrieden, fühlen sich von ihren Arbeitgeber:innen abhängig oder werden gekündigt. Daraus entstehen Existenzängste und eine generelle Unzufriedenheit, die sich schnell auf das Privatleben auswirken kann.

Hinzu kommt, dass allein in Deutschland jedes Jahr Zehntausende IT-Stellen nicht besetzt werden können, weil kein Nachwuchs ausgebildet wird.

Unsere Lösung für dieses Problem ist eine schnelle und effiziente Ausbildung, die perfekt auf den bestehenden Arbeitsmarkt abgestimmt ist.

Durch die Bootcamp-Ausbildung sparen unsere Teilnehmer:innen, aber auch Unternehmen, die nach IT-Nachwuchs suchen, Zeit und Geld.

Das Ergebnis unseres Bootcamp-Konzepts sind dann im Optimalfall eine neu gewonnene Unabhängigkeit und Flexibilität für die Teilnehmer:innen.

Begrenzungen oder Einschränkungen für die Teilnahme gibt es übrigens nicht. Wir wollen alle Menschen unserer bunten Gesellschaft die Möglichkeit geben, an unseren Bootcamps teilzunehmen. Essenziell ist allerdings eine starke Eigenmotivation, da die Programme sehr hart und intensiv sind.

Jede:r ist willkommen!

Diversität und Inklusion spielen für Euch eine wichtige Rolle. Warum und wie spiegelt sich das in Eurem Business bzw. Eurem Angebot wider?

Robin: Für uns sind Diversität und Inklusion absolute Grundpfeiler unseres Unternehmens.

Uns ist die unfaire und ungleiche Behandlung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion bewusst, sowohl in technischen Berufen als auch in vielen anderen Bereichen der menschlichen Vielfalt.

Deshalb sind wir fest davon überzeugt, dass jeder Mensch unserer Gesellschaft gleichermaßen die Chance haben soll, sich mit uns weiterzuentwickeln.

“Für uns sind Diversität und Inklusion absolute Grundpfeiler unseres Unternehmens.”

Robin Böhm, Coding Bootcamps Europe

Wir werden aber trotzdem niemandem Vorteile bei unseren Bewerbungsprozessen und der Ausbildung einräumen – uns geht es vielmehr um eine offene Ansprache aller Menschen und die Erschaffung von Räumen, in denen sich jede:r wohlfühlt.

Hierbei gibt es auch klare Regeln für das Miteinander, einen sogenannten Verhaltenskodex (Code of Conduct). Wir orientieren uns hierbei an dem „Code of Conduct Berlin“:

Darin heißt es:

“Alle Konferenzen und Gruppen, die sich auf diesen Verhaltenskodex beziehen, haben es sich als ein wichtiges Ziel gesetzt, die größtmögliche Anzahl an Beitragenden mit den vielfältigsten und unterschiedlichsten Hintergründen einzubeziehen. Wir sehen es als unsere Aufgabe, eine freundliche, sichere und einladende Umgebung zu schaffen, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Befähigung, Herkunft, Religion (oder deren Nichtvorhandensein) sowie gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Status.”

Code of Conduct Berlin

Oftmals werden diese Regeln auch zusammengefasst mit “Don’t be a Jerk”. Die Nichteinhaltung dieser Regeln kann im Extremfall zum Ausschluss führen.

Die finanzielle Lage der einzelnen Teilnehmer:innen soll übrigens niemanden davon abhalten, sich für einen Platz im Bootcamp zu bewerben – Geld darf und soll kein Hindernis sein und die Überwindung dessen gehört eindeutig zu unseren Grundwerten Diversität und Inklusion.

Darum arbeiten wir an unterschiedlichen Finanzierungsmodellen für die jeweiligen Anforderungen. Es werden auch verschiedene 100%-Förderungen möglich sein, dank derer auch Interessent:innen ohne finanzielle Möglichkeiten die Teilnahme am Bootcamp ermöglicht werden sollen.

Wir werden in einigen Bereichen sicherlich noch nicht „perfekt” sein. Gerade am Anfang ist es schwer. Unsere Webseite ist definitiv noch nicht barrierefrei und aktuell nur auf Deutsch verfügbar.

Jedoch können wir nicht alles von Anfang an gleich perfekt lösen. Wir arbeiten Tag für Tag an der Beseitigung dieser Barrieren und halten unseren Fokus stets aufrecht.

Im Januar starten wir mit dem kompletten Team in einen Diversitäts- & Inklusionsworkshop, um uns auch noch mal die verschiedenen Aspekte und Blickwinkel bewusst zu machen.

Wir haben diesen Workshop schon gebucht, bevor wir die GmbH gegründet oder erste Mitarbeiter:innen angestellt hatten. Weiterhin haben wir die Leiterin des Workshops beauftragt, unser Projekt monatlich nach den Aspekten Diversität und Inklusion zu überprüfen und auf Missstände hinzuweisen.

Wir versuchen also von Anfang an dieses Thema strukturell iterativ in unsere Unternehmens-DNA einzubauen.

Was treibt Euch beide als Unternehmer:in an, speziell auch, was Euer Projekt betrifft?

Robin: Unsere primäre Motivation ist es definitiv, Menschen zu helfen, sich weiterzuentwickeln.

Da wir uns selber nicht klonen können, wollen wir Systeme schaffen, mit denen wir mehr Menschen erreichen und helfen, als uns dies alleine möglich wäre.

Damit dies langfristig auch wirtschaftlich nachhaltig funktioniert, stehen wir vor vielen Herausforderungen.

Genau diese Herausforderungen spornen uns täglich an, um unseren Mitarbeiter:innen, unseren Teilnehmer:innen, aber auch uns selbst eine Umgebung zu schaffen, in welcher wir gemeinsam an unserer Vision arbeiten können.

Wo steht Ihr gerade und was steht als nächstes an?

Mareike: Wir arbeiten seit gut einem Jahr gemeinsam an dieser Idee. Im Dezember ist es jetzt soweit: Wir gehen zum Notar und gründen unsere GmbH. Definitiv ein sehr aufregender Moment.

Danach haben wir schon viele weitere Schritte in die Wege geleitet, wie z. B. die AZAV-Zertifizierung unseres Bootcamps.

Durch diese Zertifizierung bieten wir Teilnehmer:innen die Möglichkeit, sich die Ausbildung mit einem Bildungsgutschein über die Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter finanzieren zu lassen.

Anfang Januar haben wir hierfür unseren Zulassungsprozess, der hoffentlich positiv ausfällt.

Im Februar starten wir dann mit unserem ersten „Camp Ruhrgebiet.“ Aufgrund von Corona wird dies zu 100 Prozent remote stattfinden. Dies gibt uns natürlich viele Möglichkeiten, stellt uns aber auch vor einige Herausforderungen.

Unser Netzwerk aus Partnerunternehmen wächst ebenfalls wöchentlich weiter, da viele Unternehmen eigene Mitarbeiter:innen über uns ausbilden lassen wollen und neue Mitarbeiter:innen suchen.

Wir sind sehr zufrieden mit unserem Fortschritt und freuen uns schon auf Tag X, wenn es endlich losgeht und wir die erste Gruppe ausbilden!

Was wünscht Ihr Euch für Euer Projekt?

Robin: Dass es läuft 😉 ! Dass wir viele Menschen auf ihrem spannenden Weg begleiten dürfen und das viele tolle neue Projekte im Bootcamp entstehen und von den Teilnehmer:innen entwickelt werden.

Wir hoffen auch, dass wir mit unserem Projekt das Ruhrgebiet als digitalen Standort in Europa stärken und wir viele Teilnehmer:innen für unser Programm begeistern, die dann das Potenzial des Ruhrgebiets weiter entfalten!

Geschrieben von
Carmen Radeck

Hi, ich bin Carmen, Gründerin von RuhrGründer.

Seit mehr als zehn Jahren bin ich als Journalistin im Ruhrgebiet unterwegs und unterstütze Entrepreneur*innen bei Storytelling, Content Marketing und PR.

Als leidenschaftliche Aktivistin für die Gründerszene Ruhr rief ich Events wie RuhrSummit, Fuckup Nights Ruhrgebiet oder Female Founders Ruhr mit ins Leben. Mein aktuelles Projekt ist der Podcast „The Story behind“.

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1 Kommentar
  • Sehr cool!
    Ich habe selbst ein Coding Bootcamp absolviert, eine Erfahrung, die einmalig war.
    Leider ist es in der Praxis aber so, dass es gar nicht so einfach ist, einen Job in dem Bereich zu finden – auch wenn großer Mangel herrscht. Viele Arbeitnehmer haben einfach utopische Erwartungen an die Bewerber, außerdem setzen viele eine mehrjährige Erfahrung voraus. Da ist es dann irgendwie kein Wunder, wenn Stellen nicht besetzt werden können.
    Das ist mir jedenfalls in der Region Ruhrgebiet besonders aufgefallen – in Städten wie Köln und Berlin sahen die Stellenanzeigen schon besser aus.
    Die Stellensuche war also nicht einfach und hat viel Überzeugungsarbeit gekostet.
    Es wäre schön, wenn seitens der Bootcamps dahingehend auch mehr Aufklärung und Austausch mit Arbeitnehmern aus der Region stattfinden würde. 🙂

Geschrieben von Carmen Radeck

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