Gründer und Startups Social Entrepreneurship

Social Startup Daheim startet Videotelefonie-Plattform für Flüchtlinge

Daheim Gründerinnen Madita Best und Sarah Schanz

Madita Best (l.) und Sarah Schanz von Daheim (Foto: Carmen Radeck)

‘Daheim’ ist eines der ersten Social Startups, die gerade frisch ins Social Impact Lab Duisburg gezogen sind. Das fünfköpfige Gründerteam hat eine Videotelefonie-Plattform entwickelt, mit der Flüchtlinge mit Muttersprachlern die deutsche Sprache trainieren können. Wichtig war die Idee, eine ortsunabhängige Möglichkeit zu schaffen, interkulturellen Austausch zu ermöglichen.

Auch das Gründerteam arbeitet dezentral von unterschiedlichen Orten aus, vor allem dem Ruhrgebiet, Berlin und Tel Aviv. Zwei der Gründerinnen, Madita Best und Sarah Schanz, habe ich im Social Impact Lab besucht.

Hallo Sarah und Madita, erklärt doch mal die Idee hinter Eurer Onlineplattform ‘Daheim’?

Sarah: ‘Daheim’ ist eine Videotelefonieplattform für mobiles Lernen, Spracherwerb und interkulturellen Austausch zwischen Muttersprachlern und Newcomern.

Es ist eine Onlineplattform, mit der wir mehrere vorhandene Konzepte vereinen wollen bzw. versuchen, einzelne Aspekte zu verbessern, wo wir Probleme sehen.

Beispielsweise ist es bei Deutschkursen oft so, dass sowohl die Ehrenamtler als auch die Zugezogenen zu dem Kursort gelangen müssen. Dort sind vielleicht schon die Reisekosten ein Problem, auch wenn das vielleicht nur 2,70 Euro sind. Wenn man gerade noch in einer Flüchtlingsunterkunft lebt, können auch kleine Beträge ein Problem sein.

Madita: Daneben gibt es verschiedene Onlineplattformen, auf denen der Lernende mit einer Maschine interagiert. Da findet kein realer Austausch statt. Das kann, wenn die App gut gemacht ist, natürlich trotzdem Spaß machen. Kann aber auch frustrierend sein, wenn man ohnehin nicht so viel direkten Austausch hat.

Tandemprogramme gibt es auch noch, die sind aber manchmal gar nicht so bekannt. Außerdem liegt der Fokus meist “nur” auf dem Sprachaustausch. Uns geht es aber um Spracherwerb, kombiniert mit interkulturellem Austausch. Es geht darum, dass die Leute, die jetzt zusammen in einem Land wohnen, sich kennenlernen und ins Gespräch kommen.

„Eine Art Skype zum Deutschlernen“

Wie wird funktioniert Eure Plattform?

Sarah: Eigentlich kann man sagen, es ist eine Art Skype zum Deutschlernen, aber interessenbasiert. Und das funktioniert dann so: Man meldet sich an, erstellt ein Profil und gibt Namen und Benutzernamen an. Man kann seine Muttersprache angeben und ob und welche weiteren Sprachen man spricht. Vor allem natürlich ob und wenn ja auf welchem Niveau man bereits Deutsch spricht. Und man kann unterschiedliche Interessen angeben.

Danach geht alles ziemlich schnell: sobald man angemeldet ist klickt man auf „los geht’s“ und man wird über einen Matching-Algorithmus mit Leuten zusammengebracht die sowohl von den Interessen her passen als auch gerade online sind.

Hierbei verzichten wir bewusst auf Fotos, damit man sich auf die Interessen fokussiert, und es nicht diesen Dating-Charakter von anderen Matching-Plattformen hat.

Madita: Man kann sich die Gesprächspartner im ersten Schritt also nicht aussuchen, die werden vom Algoritmus gematcht. Das gibt es unseres Wissens nach so noch bei keiner Sprachlernplattform, auch nicht im Tandembereich. Da ist es so, dass man sich selbst jemanden sucht, der zu einem passt und ihn aktiv kontaktieren muss – was unserer Meinung nach schon eine erste Hürde darstellt.

Sarah: Genau. Bei uns musst du niemanden anschreiben. Du sagst, ich bin jetzt hier, ich will jetzt sprechen, und dann geht’s auch schon los.

Das heißt, Eure Plattform ist nicht darauf ausgelegt, dass man bestimmte Leute kennenlernt, sondern die Sprache im Gespräch zu lernen.

Sarah: Richtig. Andererseits wollen wir aber schon die Möglichkeit bieten, bestimmte Leute wiederzutreffen, wenn sich die Gesprächspartner gut verstanden haben und sich nochmal unterhalten möchten.

Madita: Gleichzeitig kann man aber auch Leute melden, wenn sich jemand unkorrekt verhält oder merkwürdige Dinge sagt. Außerdem holen wir nach dem Gespräch Feedback ein, einerseits zur technischen Qualität, andererseits zur Gesprächsatmosphäre.

In unserer Beta-Version testen wir auch die Möglichkeit, dass Muttersprachler nach dem Gespräch das Sprachniveau des Nichtmuttersprachlers einschätzen, damit wir abgleichen können, ob Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung übereinstimmen. Hierzu haben wir zuvor von potenziellen Nutzern ganz unterschiedliches Feedback bekommen und sind nun gespannt, wie es angenommen wird.

„Uns ging es gar nicht speziell um die Flüchtlingsthematik“

Wie ist die Idee zur Plattform entstanden?

Madita: Während ich meinen Master in Paris gemacht habe, hab ich mitbekommen, dass viele meiner internationalen Kommilitonen nach ihrem Abschluss Frankreich verlassen haben, weil ihre Französischkenntnisse nicht ausreichend waren um einen Job zu finden. Auch im Alltag hatten sie oft Schwierigkeiten sich zu verständigen, vor allem auch aus ihrer “Expat bubble” zu entkommen und mit Einheimischen Bekanntschaften zu schließen.

Dort habe ich dann auch zufällig von einem Projekt gehört, bei dem Rentner aus Florida Straßenkindern in Brasilien per Skype Englisch beibringen. Diese Idee fand ich super, vor allem weil sich die beiden Gruppen auf ziemlich einfache Weise gegenseitig Mehrwert schaffen können – auch ohne pädagogisches Konzept. Da dachte ich mir, dass man sowas, etwas angepasst, doch auch in anderen Ländern gut gebrauchen könnte.

Als ich den anderen von meinem “Daheim”-Konzept für Deutschland berichtet habe, waren sie gleich dabei. Jeder von uns hat auf Reisen schon mal gemerkt, dass es total schwierig sein kann, sich in einem fremden Land zurechtzufinden und wohl zu fühlen. Gleichzeitig haben wir auch gemerkt, dass man sich am anderen Ende der Welt zu Hause fühlen kann, wenn man sich mit den Menschen vor Ort versteht und sich vor allem auch austauschen kann.

Sarah: Genau. Deshalb ging es zunächst gar nicht speziell um die Flüchtlingsthematik. Es ging uns um alle Menschen, die hier zugezogen sind, aber nicht die finanziellen oder zeitlichen Ressourcen haben, einen Sprachkurs zu belegen, die aber trotzdem gern aktiver Teil unserer Gesellschaft sein wollen.

Madita: Wir haben uns dann mit einem befreundeten Programmierer getroffen, der uns eigentlich nur beraten sollte, die Idee aber so toll fand, dass er sich bereiterklärt hat, mit einzusteigen. Er selbst ist aus Ungarn und hatte genau das Problem, was wir adressieren wollten. Seitdem ist Gergö mit im Team.

Dann ging es im vergangenen Herbst mit der Flüchtlingsthematik los, und wir haben gemerkt, dass unser Projekt vielleicht in einer ganz anderen Dimension nützlich sein könnte, als ich es mir am Anfang überlegt hatte.

Was waren dann die ersten Schritte, daraus ein Unternehmen zu machen?

Madita: Im Dezember haben wir erste Schritte eingeleitet, um die gUG zu gründen – ein echt langwieriger Prozess. Mit Gergö als Mitgründer war es zusätzlich kompliziert, weil die Dokumente zwischen Essen und Tel Aviv ausgetauscht werden mussten. Seit März sind wir nun aber ganz offiziell eine gUG. Diesen Status brauchen wir vor allem, um Partnerschaften eingehen zu können und Fördermittel zu beantragen.

Und wie habt Ihr Kontakt zu den Flüchtlingen aufgenommen?

Sarah: Zuerst sind wir direkt auf die Flüchtlinge zugegangen. In den Flüchtlingsunterkünften war das gar nicht so einfach, weil die Leiter der Heime oft eher vorsichtig gegenüber Fremden waren. Einfacher war der Zugang über Ehrenamtliche, die bereits Deutschkurse geben und das in größerem Stil organisieren. Da bestanden bereits Kontakte und von Seiten der Unterkünfte wusste man, mit wem man es zu tun hat.

Wie war das Feedback und das Interesse der Geflüchteten an Eurer Idee?

Madita: Die hatten extrem großes Interesse! Damit hatten wir in dem Ausmaß gar nicht gerechnet. Viele haben uns gesagt, dass ihr Smartphone das einzige ist, womit sie sich den ganzen Tag beschäftigen, weil sie überhaupt nichts zu tun haben.

Eine sehr häufige Reaktion war wirklich: “Bitte fangt direkt morgen an.” Das war dann natürlich noch mal schwierig zu erklären, dass das noch ein paar Monate dauern wird. Inzwischen haben wir aber unser erstes Pilotprojekt in die Wege geleitet und können bald hoffentlich ganz viele Menschen ins Gespräch bringen.

Crowdfunding-Kampagne zur Startfinanzierung geplant

Wie finanziert Ihr die Plattform?

Sarah: Die letzten Monate haben wir uns, wie das ja auch bei “normalen” Startups so ist, selbst finanziert. Weil das natürlich nicht ewig so funktioniert, schreiben wir momentan fleißig Anträge und planen eine größere Crowdfunding-Kampagne auf startnext.

Längerfristig sind mehrere Möglichkeiten denkbar – vorausgesetzt wir können genügend Nutzer und Reichweite generieren. Eine Möglichkeit wäre dann, Online-Werbeformate zu nutzen, eine andere sich als Jobmatching-Plattform lizensieren zu lassen.

Ruhrgebiet, Berlin, Tel Aviv: Teamarbeit mit Onlinetools

Euer Team arbeitet von ganz verschiedenen Standorten aus zusammen, vom Ruhrgebiet über Berlin bis Tel Aviv. Wie regelt Ihr die Zusammenarbeit, welche Tools nutzt Ihr?

Madita: Uns war es tatsächlich wichtig, dass wir von Anfang an möglichst transparent und effizient organisiert sind. Herausgekommen ist eine Mischung aus unterschiedlichen Online-Tools:

Für “instant” Kommunikation nutzen wir Slack, um uns schnell auszutauschen, zum Beispiel, wenn es darum geht, schnelles Feedback vom ganzen Team zu bekommen.

Asana nutzen wir um einen Überblick zu haben, was insgesamt im Team los ist. Man sieht, wer was wann und warum macht und wann die Deadlines sind. Außerdem sind wir große Asana Fans, weil es sich sehr gut für unseren Holacracy-Organisationsansatz eignet und es sich mit Tools wie Slack und Google-Kalender verknüpfen lässt.

Trello nutzen wir für’s Mikromanagement. Skype, um Teammeetings zu machen. E-Mails nur, wenn wir Externe mit einbeziehen. Alle unsere Dokumente haben wir in Google Docs und das wiederum haben wir mit Asana und Slack verknüpft. Diese Art von Effizienz ist für uns ein ganz wichtiger Aspekt, weil wir wenig Zeit und kaum Ressourcen haben.

Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft von ‘Daheim’?

Madita: Wir wünschen uns, dass ‘Daheim’ vielen Menschen eine neue Perspektive gibt. Das gilt sowohl für die Zugezogenen als auch für Menschen, die schon lange in Deutschland leben. Kurz: wir möchten das vielmehr Menschen miteinander statt übereinander reden.

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