RuhrSummit Startup News

650 Teilnehmer, 50 Speaker, 4 Bühnen: Ein Rundgang über den RuhrSummit 2016

RS2016_02Dass man als Mit-Organisator am wenigsten vom eigenen Event mitbekommt, tja, das liegt ja fast schon in der Natur der Sache. Damit hier auf RuhrGründer trotzdem ein bisschen was über die größte Startup-Konferenz im Ruhrgebiet zu lesen ist, habe ich meinen Gastautoren Christian Caravante losgeschickt. Er hat sich am 28. Juli ins Getümmel in der Zeche Carl gestürzt, und hier sind seine Eindrücke.

RuhrSummit: „Hier brodelt was, das eine Form brauchte und sie nun gefunden hat“

Von Christian Caravante

Der RuhrSummit war trotz seines Namens kein Gipfeltreffen im Davos-Sinn. Im Gegenteil: es war das lässige, niedrigschwellige, allererste und große Start-Up Familientreffen der Region – 650 Teilnehmer, 50 Speaker auf vier Bühnen, 250 Speeddatings zwischen Gründern und Geldgebern haben die Organisatoren aus dem Stand zusammengebracht – unterstützt von namenhaften Sponsoren und Partnern wie dem Initiativkreis Ruhr, der Deutschen Bank, oder Amazon Webservices .…

Hier brodelt was, das eine Form brauchte und sie nun gefunden hat. Pink – die Poloshirts des RuhrSummit Teams fallen auf. Und auch hier die Symbolik klar: Sichtbar sein und machen!

Die gute Stimmung beginnt schon vor dem Einlass in die Zeche Carl in Essen: Das „Du“ durchzieht alle Gespräche – ob Kapitalgeber im Anzug oder Turnschuh-T-Shirt Gründer. Wir sind jung, wir sind wild, wir wollen was – Förmlichkeiten und „Sie“ stehen da nur im Weg.

RuhrSummit 2016: Welcome-Session mit den Initiatoren Carmen Radeck von RuhrGründer, Oliver Weimann von 360 Online Performance Group und Dirk Sander vom Social Impact Lab (Foto: Jürgen Radeck)

RuhrSummit 2016: Welcome-Session mit den Initiatoren Carmen Radeck von RuhrGründer, Oliver Weimann von 360 Online Performance Group und Dirk Sander vom Social Impact Lab (Foto: Jürgen Radeck)

StartUp ist längst nicht nur IT oder App-Programmierung

Dabei sind die Ideen, denen man auf dem RuhrSummit begegnet alles andere als nur lässig: Ob eine Videoplattform, um Flüchtlinge und Deutsche zusammenzubringen odereine Art Franchise, in dem Blinde, die für Ärzte Brustkrebs ertasten, ergonomische, hübsche Schultaschen aus PET Flaschen, Mode, Technik oder sozial Engagiertes – Start-Up ist hier längst nicht nur IT oder App-Programmierung.

Und wohin die Reise in Sachen „Wir packen’s an!“ gehen sollte, wurde gleich bei der Eröffnung klar, als Mit-Initiator Oliver Weimann alle im Raum zum Island-HUH! aufforderte. Gerade noch von den Rängen der Fußball EM Stadien erklungen, sollte es Kraft und Zusammenhalt zeigen und – falls noch vorhanden – letzte Hemmschwellen abbauen. Island ist ohnehin kein schlechtes Vorbild für die Ruhrgebiet Start-Up Szene: klein, aber selbstbewusst, eine energetische Insel voller Ideen und manch schräger Type.

Auch die Startup Insel Ruhrgebiet liegt in einem Meer, in dem die groß-industriellen Kräfte des 20. Jahrhunderts und ihre damit einhergehende Langsamkeit, Verfilzung und Angestelltenmentalität durchaus noch an vielen Stellen sicht- und spürbar ist. Die großen und mächtigen Ruhrbarone, aka Konzerne wie Thyssen-Krupp, RWE und Co., mit Zulieferung und Dienstleistung drumherum, dominierten sehr lange das Wirtschaftsgeschehen.

Langsam erwacht das Ruhrgebiet aus dem Dornröschenschlaf

Aber: Langsam erwacht das Ruhrgebiet aus dem Dornröschenschlaf: 250.000 Studenten und ein großer Mittelstand und die besagten Konzerne sind die Ursuppe, aus der nun Dynamik, Neues und Wildes mit Erfolg wachsen soll.

Die Konzerne spielen mit, denn jetzt wollen die auch: dynamischer sein, schneller und entscheidungsfreudiger werden. Weil sie müssen. Stichwort Digitalisierung und disruptiver Wandel. Der wird die ganze Wirtschaftswelt und viele gesellschaftliche Bereiche extrem verändern in den kommenden 10 bis 15 Jahren.

Und so berät zum Beispiel die Firma etventure Unternehmen bei Ausgründungen bzw. Tochterunternehmen, die diese Freiheit, plus Innovation schaffen sollen – als In-House Start-Ups gewissermaßen. Christian Lüdtke von etventure verlangt in seinem pointierten Vortrag von den Konzernen aber auch die Start-Up Szene im Ruhrgebiet zu unterstützen. Sonst würden die guten Leute woanders hingehen – vor allem nach Berlin, wo auch seine Firma sitzt.

Euphorisierende Vielfalt an Ideen und Konzepten

Wer so durch die drei Veranstaltungsräume und die Workshops im Obergeschoss flanierte, entdeckte eine euphorisierende Vielfalt an Ideen und Konzepten. Dazu eine Menge beeindruckende Start-ups, die raus sind aus der Konzeption und mitten drin im Arbeiten – ob das Reiseportal Trivago oder Sozialhelden oder der Lego Verleih Bauduu. Überall spürbare Freude am Ausdenken, am Machen und Wissen-Teilen, wie man sie auf üblichen Wirtschaftskongressen nicht antreffen wird.

Man konnte zuhören, was die Jungunternehmer oder Berater oder Venture-Capital Geber erzählen, wie sie Ideen bewerten und Unternehmen unterstützen. Man erführ von den großen Schnittmengen sozialer Start-Ups und regulärer Start-Ups  – vor allem wenn es darum geht, Geld einzusammeln. Wer hier war zum Netzwerken und „Rosinenpicken“, wurde auch fündig: Einige Start-Ups suchten sich gezielt Gesprächspartner und ließen ihre Ideen abklopfen auf Finanzierbarkeit. Und so konnten sich auch viele der Speeddater begründete Hoffnung machen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein: beim RuhrSummit 2016.

Christian Lüdtke von etventure: „Ruhrgebietler“ ist man immer dann, wenn man weiter weg ist von der Region

Zwei Vorträge, die für ihren Blick auf die Gründerwelt die Vogelperspektive gewählt hatten, stachen heraus. Zum einen der von Christian Lüdtke (etventure):  Das Ruhrgebiet ist für ihn noch immmer ein Sammelsurium aus Städten verknüpft durch die  „Old Boys Netzwerke“ großer Unternehmen.

„Ruhrgebietler“ ist man immer dann, wenn man weiter weg ist von der Region, meint er. Wohnt man hier in der Region, sind die meisten aber Hyperlokalpatrioten – also beispielweise nicht Dortmunder, sondern Lücklemberger und nicht Wittener, sondern Annener. Diese Haltung sei allerdings eher schädlich für eine Startup DNA, meint Lüdtke.

Hüten sollen sich die Start-Ups vor bloßem Copycat: Also woanders funktionierende Ideen bloß übernehmen. „Unsere DNA ist das: schmutzige Hände. Machen statt Hipstern“, sagt Lüdtke. Die Probleme des Ruhrgebiets sind die gleichen wie die  einst großer Branchen „Die Digitalisierung kam und die Manager der Musikkonzerne haben geguckt, was macht mein Wettbewerber – offenbar nichts. Na dann wird es schon nicht so schlimm werden.“ Dabei unterlagen die Manager einer gravierenden Fehleinschätzung: Der Wettbewerb kam damals aus einer ganz anderen Ecke.

Und so wird auch der zukünftige Wettbewerb, in den die heutigen Start-Ups eintreten, anders aussehen. Da sind zum einen die digitale Giganten (Google, Facebook etc.) mit ihren unerschöpflichen Finanzreserven und diversen Forschungsabteilungen und dann agile Startups (wie airbnb, Zalando oder Square) die den Markt mit anderen Mitteln umkrempeln. Das ist die Konkurrenz von heute – weitere wird folgen.

Trotzdem  ist aus seiner Sicht ein großer Vorteil: Was ein Start-up kann, kann ein Konzern nicht so gut:

  •     hohe Risikofreudigkeit
  •     extreme Testmentalität
  •     High Speed Umsetzung (denen geht das Geld aus, deswegen Tempo)
  •     volle Nutzerzentrierung
  •     hohe Datenerxpertiese, (was wir nicht messen können, existiert nicht)
  •     langfristige Radikalität

„Wir können Nicht-perfekt-Sein“ akzeptieren, sind multikulturell und flexibel“

Thomas Burges von Ernst & Young bei seinem Vortrag über Megatrends. (Foto: Jürgen Radeck)

Thomas Burges von Ernst & Young bei seinem Vortrag über Megatrends. (Foto: Jürgen Radeck)

Der zweite, hochinteressante Vortrag kam von Thomas Burges von Ernst & Young.

Er suchte nach den Megatrends für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre. Nicht nur Technologie oder Digitalisierung, sondern ein gesellschaftlicher Impact wird unsere Leben und das der heute jungen Menschen massiv verändern. Unternehmen und Start-Ups werden mit diesen Bedingungen umgehen müssen. Das iPhone ist erst knapp 10 Jahre alt – hat und hat nicht nur wirtschaftlich, sondern in zahllosen Lebensbereichen die Welt in dieser kurzen Zeit umgewälzt. In der nun folgenden Dekade könnte die Entwicklung doppelt so schnell vorangehen wie in der Vorherigen, meint Burges.

„Wir laufen auf weltweit 10 Mrd. Menschen zu. Wo findet das Wachstum heute statt? In Megastädten. Asien und Afrika erleben ein urbanes Wachstum von unglaublichen einer Millionen pro Woche. Neue Städte entstehen vom Grund auf. “Das Ruhrgebiet ist eine potentielle Megaregion“, meint Burges. Zugleich: „Wir haben kein Gespür für das, was passiert in zehn Jahren, weil wir hier (im Ruhrgebiet) weit davon entfernt scheinen. Was uns verändert, kommt in den seltensten Fällen aus dem Ruhrgebiet, sondern auch China, Indien, den USA. Aber eines ist sicher, alle 5-6 Jahresstrategien kann man getrost vergessen.“ Das  Ruhrgebiet hat aber einige mentale Vorteile: „Wir können „Nicht perfekt Sein“ akzeptieren, sind multikulturell und flexibel.“

Innovationskultur ist der Schlüssel zum Erfolg. Da haben gibt es aus seiner Sicht  noch Defizite,Strategien sind wirkungslos, wenn es nicht gelingt eine  Kultur von Innovation und Neugier zu schaffen.

Dazu trägt sicher auch ein so gelungener, vielseitiger, lässiger und lehrreicher „Gipfel“ wie der RuhrSummit bei. Denn Ideen und Dynamik brauchen sowohl ein kreatives Umfeld, wie das Gefühl, das etwas möglich ist. All das war hier definitiv zu spüren.


Chrisitan Caravante (Foto: privat)

Chrisitan Caravante (Foto: privat)

Über Christian Caravante

Aufgewachsen in Dortmund, nach der Schule Rettungssanitäter gelernt und später in Bonn, Berlin und Seattle Politik, Völkerrecht, Volkskunde und Literatur studiert. Bis in die Nuller Jahre im Bundestag tätig, dann als freier Autor, Journalist und DaF-Dozent. Nach 15 Jahren in Berlin Rückkehr zur heimischen Scholle ins Ruhrgebiet. Hier als Autor, Texter, Redakteur, Social Media Manager, PR-Heini, Dozent, Vater von drei und Gatte von einer viel unterwegs.

www.caravantext.de

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