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(Foto: Matej Kastelic/Shutterstock)

Gründen nach dem Studium: So fördern die Ruhrgebiets-Hochschulen (Update 2020)

Von Michael Kriegel

Die Hochschule als Sprungbrett für die Selbstständigkeit? Gründen statt forschen? Die akademische Laufbahn gegen den Chefsessel tauschen?

Dass viele dieser Fragen keine Widersprüche sein müssen, zeigen Beispiele aus den Hochschulen im Ruhrgebiet. Mit einschlägigen Lehrveranstaltungen, eigenen Inkubatoren und eigens aufgelegten Förderprogrammen werden Studierende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Unternehmensgründung unterstützt.

Das Thema Wissens- und Technologietransfer ist zudem ein zentrales Element der Kooperation der drei großen Hochschulen im Ruhrgebiet in der Universitätsallianz Ruhr.

Mit der Ruhr-Universität Bochum, der Technischen Universität Dortmund und der Universität Duisburg-Essen bildet diese seit 2007 eine Basis für eine strategische Zusammenarbeit. Als Mitglied im Initiativkreis Ruhr bündelt sie Kompetenzen und Ressourcen, um die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Hochschulen in der Region zu stärken.

Unternehmerisches Denken und Handeln ist gefragt

(Foto: GaudiLab/Shutterstock)

Im Bereich der Lehre steht nicht nur für Gründungsinteressierte die sogenannte „Entrepreneurship Education“ im Vordergrund, daher die Vermittlung von unternehmerischem Denken und Handeln.

War dieses Wissen noch vor 20 Jahren meist in einem Teilbereich der BWL versteckt, gibt es mittlerweile an allen Hochschulen Qualifizierungsprogramme, entweder als fakultätsspezifische (auch curriculare) Lehrveranstaltungen oder fakultätsübergreifende, studienbegleitende Angebote.

Die Themen sind breit gefächert, von der Businessplanerstellung über Ideenentwicklung, Kreativitätstechniken, Marketing, Steuern, Recht und Social Entrepreneurship bis zu Planspielen ist vieles dabei.

Auch Studierende, die für ihre berufliche Laufbahn ein Angestelltenverhältnis anstreben, profitieren von der Denkweise. Intrapreneurship ist ein zentrales Thema in vielen Unternehmen und bildet eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Projektarbeit.

EXIST Gründerstipendium als Starthilfe

Nicht nur die Sensibilisierung für das Thema Entrepreneurship ist für die Hochschulen relevant, sondern auch die Förderung forschungsbasierter Ausgründungen. Dieser wirtschaftliche Transfer aus den Hochschulen wird durch Programme wie EXIST vom Bundesbildungsministerium unterstützt.

Das EXIST-Gründerstipendium und EXIST-Forschungstransfer dienen als Sprungbrett für innovative und forschungsbasierte Gründungen aus dem akademischen Umfeld.

Gründerinnen und Gründer können sich mit einer innovativen Idee, wissenschaftlichen Mentoren und einem überzeugenden Team für ein Stipendium bewerben, das für einen Zeitraum von einem Jahr (EXIST-Gründerstipendium) bis 18 Monaten (je Förderphase EXIST-Forschungstransfer) den Lebensunterhalt sowie Sachausgaben decken soll.

Auch die Hochschulen können sich regelmäßig um Förderungen bewerben, um die Infrastrukturen im Gründungsbereich zu stärken. 2019 waren die Hochschulen im Ruhrgebiet dabei besonders erfolgreich.

Die Ruhr Uni Bochum und die TU Dortmund erhalten für fünf Jahre insgesamt 35 Millionen Euro aus Landesmitteln zum Aufbau von Exzellenz Start-up Centern, zudem erhalten mehrere Hochschulen Fördermittel für vier Jahre aus dem Programm EXIST-Gründungskultur.

Von 2020 bis 2023 fließen je bis zu zwei Millionen Euro an die Hochschulen Bochum und Dortmund, die Ruhr Uni Bochum, die Universität Duisburg-Essen, die Technische Hochschule Georg Agricola sowie die Hochschule Ruhr West und die Westfälische Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen.

TU Dortmund: Centrum für Entrepreneurship & Transfer (CET)

TU Dortmund (Foto: Andreas Wilke)

Der TU Dortmund brachte ihr tu>startup-Konzept bereits im Jahre 2012 den Titel „Gründerhochschule“ und eine 3,6 Millionen Euro schwere Förderung bis 2016 ein. Die Schaffung eines Ökosystems für Entrepreneurship sowie die Vernetzung mit weiteren Institutionen wie der Stadt oder Technologiezentren war bei dem Konzept zentraler Bestandteil und soll nach dem Ende des Förderzeitraums über die gegründete tu>startup-Stiftung für nachhaltige Strukturen sorgen. Ergebnis ist der Aufbau des Centrums für Entrepreneurship und Transfer (CET).

Das CET ist eine zentrale Serviceeinrichtung der TU Dortmund, deren Fokus auf der gezielten Startup-Förderung, der Betreuung von Erfindungen und Patenten der TU Dortmund und der Begleitung junger technologie- und wissensbasierter Unternehmen liegt. Point 8, Neues Schwarz  oder Smart Robotic Systems sind nur einige der Teams, die von der TU Dortmund unterstützt wurden.

Neben der Teilnahme an Gründungsveranstaltungen bietet das CET umfassende Unterstützungsangebote in den vier zentralen Bereichen Forschung, Qualifizierung, Beratung sowie Schutzrechte und Transfer an.

Diese umfassen beispielsweise die Durchführung von Summer Schools und Workshops, die Konzeption von Innovationslaboren, die Begleitung und Beantragung von Fördermitteln wie z. B. das EXIST-Gründerstipendium und das Sichern und die Verwertung von Erfindungen und Patenten der TU Dortmund.

Die Angebote beinhalten Lehrveranstaltungen, eine Summer School und den tu>startupaward, für den sich Hochschulangehörige und Alumni bewerben können.

2019 wurde das CET vom Land NRW als eines von fünf Exzellenz Start up Centern ausgezeichnet Mit der damit verbundenen Förderung von 14,2 Millionen Euro soll dieses „Exzellenz Start-up Center Dortmund, Westfälisches Ruhrgebiet & Südwestfalen“ als zentrale Anlaufstelle für Gründerinnen und Gründer dienen.

Dazu gehören Coworking-Büros für die Entwicklung von Geschäftsideen, eine Offene Werkstatt mit Geräten und ein Data Space mit der notwendigen Infrastruktur für die marktreife Weiterentwicklung von Prototypen und Funktionsmustern. Der Studiengang „Digital Innovation and Entrepreneurship“ soll das Angebot der Entrepreneurship Education ergänzen, zudem gibt es neue, aufeinander aufbauende Qualifizierungsangebote für Gründungsinteressierte. Für die Ausweitung des Angebots benötigt das CET mehr Platz und zieht in die Räumlichkeiten des Dortmunder Technologiezentrums auf dem Campus.

In Kooperation mit dem Lehrstuhl für ökonomische Bildung werden an der TU Dortmund die Angebote konzertiert.

Ruhr-Universität Bochum: Worldfactory

(Foto: Ruhr-Universität Bochum)

Das Worldfactory Start-up Center (WSC) ist das zentrale Transfer- und Gründungsprojekt der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Die Entrepreneurship-Qualifizierung beginnt möglichst früh und ist fakultätsübergreifend. Das Beratungsangebot ist dabei offen für alle Studierenden der Bochumer Hochschulen. Ziel ist die Vermittlung unternehmerischen Denkens und Handelns unter Mitwirkung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Praktikerinnen und Praktikern. Konkrete Projektideen können erarbeitet, umgesetzt und präsentiert werden.

Am Campus gelegen ist das Universitätsforum (UFO) mit seinen Coworking- und Team-Spaces und dem MakerForum die Keimzelle des Projektes. Hier finden auch Veranstaltungen wie Gründertalks, Start-up Camps oder der IT-Security Pitch regelmäßig statt. Einmal pro Woche gibt es zudem eine offene Gründungsberatung, die für Studierende, Wissenschaftler und RUB-Alumni die erste Anlaufstelle für alle gründungsrelevanten Fragen darstellt. 

Als Transferelement fungiert das außeruniversitäre Bochumer Institut für Technologie gGmbH (BO-I-T). Es ist Teil des Worldfactory-Konzepts und soll wissenschaftliche Forschungsergebnisse am Standort zur wirtschaftlichen Umsetzung bringen.Die Worldfactory wurde 2019 vom Land NRW als eines der Exzellenz Start-up Center ausgezeichnet und mit 20,8 Millionen Euro für eine fünfjährige Weiterentwicklung gefördert.

Zusätzlich zu den Angeboten im UFO entwickelt die RUB gemeinsam mit der Stadt Bochum auf dem Gelände des ehemaligen Bochumer Opel-Standortes den neuen Technologiecampus MARK 51°7. Zentrales Element ist der „Makerspace“, eine offene Werkstatt mit rund 1.900 Quadratmetern Fläche. Zudem soll das Transferpotenzial der gesamten Universität mit ihren 20 Fakultäten über alle Phasen des Gründungsprozesses hinweg erschlossen werden.

Uni Duisburg-Essen: Kompetenzzentrum für Innovation und Unternehmensgründung (IDE)

(Foto: IDE)

An der Universität Duisburg-Essen wird die Gründungsunterstützung im IDE gebündelt, dem Kompetenzzentrum für Innovation und Unternehmensgründung. Ob Hightech-Produkt oder soziales Projekt – Ziel des Zentrums ist die sichtbare und nachhaltige Förderung von Innovationen und Ausgründungen aus der Hochschule. Das IDE fördert und unterstützt aktiv die Entwicklung und Umsetzung von Produktideen und Geschäftskonzepten aus der Universität Duisburg-Essen.

Die Grundlage im Lehrbereich ist neben dem sbm Programm seit dem Wintersemester 2017/2018 der bundesweit einzigartige Master-Studiengang Innopreneurship.

Das IDE legt Wert auf eine Verbindung „klassischer“ Unternehmensförderung, etwa von Forschungsergebnissen aus ingenieur- und naturwissenschaftlichen Fakultäten, mit neuartigen Ansätzen, etwa aus dem Kreativbereich. „Unsere InnovationsFabrik ist das beste Beispiel. Hier werden designbasierte Methoden und Ansätze benutzt, um Ideen zu generieren, weiterzuentwickeln und bis zum Geschäftsmodell auszubauen“, sagt Professor Volker Breithecker, der Leiter des IDE.

Das InnovationsFabrik-Konzept verknüpft Forschungsergebnisse bzw. studentische Ideen mit designbasierten Methoden, um daraus Innovationen zu entwickeln. Hierbei sind die InnovationsWerkstätten das Format, um diese Ideen zu generieren. Dabei helfen Industriedesigner mit ihrer Methodenkompetenz bei der „Übersetzung“ von Wissen in innovative Produktideen und Geschäftskonzepte.

NEMOS ist eine der Ausgründungen aus der Universität Duisburg-Essen. Das Unternehmen entwickelt ein innovatives System zur Stromerzeugung aus Meereswellen, das auf neuen Forschungserkenntnissen basiert.

Ab 2020 kann die Universität Duisburg-Essen zudem mit Fördergeldern aus dem EXIST-Programm ihr Konzept zum Thema Regionale Vernetzung umsetzen.

Uni Witten-Herdecke: Entrepreneurship Zentrum Witten

Coworking im Startup Accelerator Visionest
(Foto: EZW)

Und was tut sich im Bereich der privaten Fachhochschulen? Das Entrepreneurship Zentrum Witten ist im Forschungszentrum der Privatuniversität Witten-Herdecke angesiedelt und als gemeinnützige GmbH organisiert. Die Universität fungiert als Gesellschafter und bietet den Zugang zum Uninetzwerk mitsamt Forschern, Studierenden und Alumni.

Das EZW ist aber nicht nur im Wittener Uni-Umfeld aktiv, sondern offen für alle Hochschul-Gründer aus dem Ruhrgebiet, die ihre Ideen mit der bestmöglichen Unterstützung verwirklichen möchten. Mit Beratung, Mentoring, Büroräumen und Workshops schafft das EZW hier Angebote speziell für die Pre-Seed-und Seed-Phase.

Fachhochschule Dortmund

An der Fachhochschule Dortmund bündelt die Transferstelle das Thema Gründung. Die FH ist hier in mehrere regionale Netzwerke eingebunden und bietet entsprechende Unterstützung für Studierende, Absolventen, Wissenschaftler und Alumni aller acht Fachbereiche. Neben der Einbindung in regionale Gründungsunterstützungs-Netzwerke ist besonders die fachliche Kompetenz der Hochschullehrer von Vorteil.

So können beispielsweise Geschäftsideen zum Thema Internet oder auch soziale Innovationen ebenso auf ihre Marktchancen wie eine neue Produktidee auf ihre technische Machbarkeit abgeklopft werden. Eine Ausgründung der FH Dortmund ist etwa Covibo, ein Team, das ein System für ein selbstständiges, längeres Wohnen im Alter entwickelt hat und auch zu den start2grow-Preisträgern zählte. Auch petsinboxes stammt aus der FH Dortmund.

Ab 2020 wird die FH Dortmund aus den Programmen StartUpLab@FH und EXIST Gründungskultur gefördert, was eine deutliche Weiterentwicklung des Angebots bedeutet.

Uni-übergreifende Programme

Ein Sensibilisierungs-Projekt in der Emscher-Lippe-Region richtet sich an Studierende verschiedener Hochschulen. Die Studierenden der Region sollen durch verschiedene Angebote, Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit auf die Möglichkeit einer Unternehmensgründung als berufliche Alternative aufmerksam gemacht werden.

Dafür werden unter dem Label StarterCampus Angebote umgesetzt, welche von der Ideenfindung und Kreativitätsförderung hin zu der Begleitung bei innovativen und wissensbasierten Ideen führen. Die Formate reichen von kleinen Workshops über Summer Schools bis hin zu Abendveranstaltungen.

Bei der Umsetzung innovativer Lehrkonzepte vernetzen sich die Hochschulen auch immer häufiger überregional. So ist etwa die Universität Duisburg-Essen Hochschul-Partner im yooweedoo-Netzwerk. yooweedoo ist als Ideenwettbewerb an der Universität Kiel gestartet. Das Ziel ist Empowerment für eine nachhaltige Entwicklung. Möglichst viele junge Menschen sollen lernen, wie sie die Welt mit eigenen Projekten verändern können.

Das yooweedoo Lernprogramm, das auch einen Changemaker MOOC beinhaltet, zeigt, wie man ein eigenes Changeprojekt Schritt für Schritt professionell plant. Das Programm macht mit Strategien von Social Entrepreneurship vertraut und zeigt, wie man gesellschaftliche Herausforderungen mit unternehmerischen Ansätzen lösen kann.

Seit 2018 im Ruhrgebiet: Das 5 Euro-StartUp

(Foto: GaudiLab/Shutterstock)

Ähnliche Ansätze verfolgt auch das 2018 im Ruhrgebiet gestartete 5 Euro StartUp, ein Projekt, das aus Kanada stammt und bereits an Hochschulen in München, Saarbrücken und Kassel durchgeführt wird. Eigene Ideen mit viel Unterstützung und wenig Risiko zu verwirklichen, lautet hier das Motto.

Ziel ist es, mit 5 Euro Startkapital in kürzester Zeit ein eigenes Unternehmen zu gründen und am Markt zu testen. Dabei werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei Ideenfindung und Teambildung unterstützt und während der Praxisphase von StartUp-Coaches begleitet.

Fast zwanzig Teams wurden 2018 und 2019 bereits bei der Ideenentwicklung begleitet, im Herbst 2020 startet der dritte Durchlauf: www.5eurostartup.de

Die Hochschulen im Ruhrgebiet bieten mit ihren Lehrprogrammen, Unterstützungsangeboten und Initiativen also alles in allem ein hervorragendes Ökosystem für Startups, studentische Gründungen und wissenschaftsbasierte Spin-offs. Also – einschreiben und loslegen!


Michael Kriegel ist Gründungsberater, Verleger und Dozent. Als Michael 2009 sein erstes Radtourenbuch veröffentlichte, gründete er kurzerhand einen eigenen Verlag. Der „Verlag Aus dem Pott“ zeichnet sich durch regionale Produkte aus, jährlich erscheint zudem der Gründerkompass. Michael hat das Qualifizierungsprogramm „InnovationsGeist“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bestehend aus Seminaren, Workshops und einem Gründerwettbewerb, konzipiert und begleitet dort seit 2010 Teams bei der Ideenfindung, Teambildung und Unternehmensgründung. Er ist Dozent für Ideenentwicklung, Geschäftsmodellerstellung und Business Planning. Michael lebt in Dortmund und Rosenheim.

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