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MeinHuhn: Zwei Gründer aus Datteln entwickeln alternative Geschäftsmodelle für Landwirte

Foto: Zosia Korcz/ Unsplash

MeinHuhn: Plattform bringt Hühnerbesitzer mit Eierkäufern zusammen

Ich gebe zu, diese Geschichte wäre zu Ostern passender gewesen. Aber auch zu Weihnachten ist sie schön!

Worum geht es? Carsten Abenhardt und Elmar Bresser aus Datteln haben mit MeinHuhn.eu eine Plattform geschaffen, die Hühnerstallbesitzer mit Eierkäufern zusammenbringen will. Das Konzept dahinter: Direktvermarktung.

Vor allem geht es den beiden aber auch darum, alternative Geschäftsmodelle für Landwirte zu entwickeln und sie damit in die Lage zu versetzen, einen Beitrag für die Umwelt zu leisten. MeinHuhn ist dazu der erste Schritt.

Wie die Idee zu MeinHuhn entstanden ist, welches Geschäftsmodell dahinter steckt, wie die Eier zu den Kunden kommen und warum das Unternehmen der beiden Carrot GmbH heißt, das erfahrt Ihr im letzten Startup-Interview in diesem Jahr.

Seid gespannt!


Ihr seid Gründer der Plattform „Mein Huhn“. Was ist die Idee hinter Eurem Startup und wie ist sie entstanden?

Elmar: Unsere Firma heißt Carrot GmbH und MeinHuhn ist unsere erstes Geschäftsmodell. Wir wollen in Zukunft noch weitere Plattformen in einem ähnlichen Modell starten, dazu später mehr – erstmal zu MeinHuhn. 

Vor ca. 3 Jahren habe ich einen alten Stall in einen kleinen Hühnerstall umgebaut, denn ich wollte einfach wissen wie die Hühner leben und wo die Eier herkommen die ich konsumiere. Außerdem wollte ich ein wenig bäuerliche Idylle schaffen. 

Die Eier die “über” waren habe ich immer verschenkt. Die Leute haben mich dann gefragt ob sie eine regelmäßige Lieferung bekommen können, denn die Eier schmecken einfach gut und es tut gut zu wissen wo sie herkommen. Die Hühner der verschiedenen Rassen, die ich halte, legen auch alle andere Eier, so dass ein bunte Mischung zustande kommt. Die Hühner legen in unterschiedlichen Farben und Größen, aber gerade das ist was die Kunden mögen. 

Die Idee zur Vermarktung kam dann eines Abends, als ich mich mit Carsten getroffen habe. Wir haben über die neue digitale Welt gesprochen, aber auch über den immer stärkeren Wunsch der Kunden, nachhaltige regionale Nahrungsmittel zu beziehen. So kamen wir zu der Möglichkeiten der Direktvermarktung. 

Das Problem der Landwirte ist, dass Nahrungsmittel in den Supermarktketten extrem billig angeboten werden. – Dies ist übrigens in einigen anderen Ländern nicht so. –  Das führt aber dazu, dass dieser Preisdruck direkt an die Landwirte weiter gegeben wird. Die Landwirte werden dadurch gezwungen immer mehr an der Kostenschraube zu drehen und können nur noch günstige Massenwaren produzieren. Das wiederum möchten viele Kunden nicht. 

So schließt sich der Teufelskreis den wir durchbrechen wollten. Ein Hofladen wiederum ist eine sehr zeitaufwendige Form der Direktvermarktung und nicht jeder kann das machen. Außerdem liegen die Hofläden natürlich ländlich, während die Kunden zunehmend in den Ballungszentren wohnen. Der Aufwand, für diese Kunden regelmäßig zum Hofladen zu fahren, ist daher einfach zu groß. 

Daher wollen wir mit MeinHuhn einen anderen Weg gehen.

Wir möchten den Menschen die Nahrungsmittelproduktion näher bringen und einen engeren Bezug zur täglichen Nahrung schaffen.

Carsten Abenhardt, MeinHuhn

Carsten: Unsere erste Idee war eigentlich meine Möhren, als Futtermöhren, direkt an Pferdehalter zu vermarkten. Das Problem ist jedoch die letzte Meile zum Kunden. Hier sind die Kosten so hoch, dass es sich bei Nahrungsmitteln nicht lohnt. So haben wir dann von den Möhren zunächst nur den Namen behalten. 

Das “Ei” wiederum ist das perfekte Nahrungsmittel um eine Direktvermarktung zu starten. Es ist ausgesprochen vielseitig einsetzbar, gesund, lecker und lange haltbar. Ich habe mir daher auch einen Hühnerstall auf mein Grundstück gestellt und meine Kinder lieben es. 

Wir möchten auch den Menschen die Nahrungsmittelproduktion näher bringen und einen engeren Bezug zur täglichen Nahrung schaffen. Darüber hinaus möchten wir Kunden die Möglichkeit geben, sich vom Verbraucherschutz vor Ort zu überzeugen. Aber da wir nicht nur Eier vermarkten wollen, haben wir dann Hühner- und auch Hahnpatenschaften in unseren Ställen angeboten. 

Wie genau funktioniert die Sache mit den Patenschaften und wie kommen die Eier zu den Paten?

Elmar: Es ist relativ einfach gehalten: Wir bieten Menschen an, Eier aus regionaler, artgerechter und nachhaltiger Hühnerhaltung von einem Produzenten zu bekommen, den sie kennen. 

Früher hatte viele Leute Hühner im Garten, heute fehlt vielen Menschen die Lust und die Zeit dazu. In den Städten ist die Hühnerhaltung häufig auch gar nicht möglich. Wir verbinden daher die beiden Bedürfnisse. 

Auf unserer Website hat jeder Stall eine eigene Landingpage. Damit kannst du suchen, welcher Stall in deiner Nähe ist. Du suchst einfach über eine Karte, welcher Stall in deinem Umkreis ist und buchst dort für ein Huhn / einen Hahn einfach eine Patenschaft.  Der Gegenwert sind 10 Eier pro Huhn und Monat. 

Der Ort des Hühnerstalls und der Übergabeort der Eier können im Einzelfall variieren. Wir stimmen vorab mit dem Hühnerhalter ab, welcher Übergabepunkt sinnvoll ist. Dies kann dann am Hühnerstall sein, aber auch an vereinbarten Abholstellen. Diese sind zum Beispiel Shops, Büros oder andere regelmäßig geöffnete Geschäftsstellen in den Metropolen. 

Dadurch entsteht für alle ein Vorteil. Der Halter muss nicht bis zur Haustür liefern, was sehr aufwändig wäre, sondern er gibt die Eier für mehrere Kunden an einer Stelle ab. Der Besitzer der Abholstelle bekommt zusätzlichen Kundenzulauf und ein gutes Marketing, und der Kunde erhält die Lieferung in der Nähe seines Wohnorts und muss zur Abholung keine weiten Strecken zurücklegen. 

Wir setzen hiermit vermehrt auf “Click & Collect Systeme”. Ich übergebe die Eier in einem Sportgeschäft in Essen. Meine Kunden bekommen dann einfach eine WhatsApp oder E-Mail und gehen zu den Öffnungszeiten im Shop vorbei und holen ihre Eier ab. 

Das Sportgeschäft gibt nur die Eier raus, die Zahlung läuft komplett online ab. Häufig nehmen die Kunden dann im Laden noch was mit, so haben wir eine Win-Win Situation. 

Carsten: Ich habe ein Holzbox auf meinem Hof und die Kunden können sich die Eier dann einfach dort rausnehmen, dabei können sie sogar noch mal am Stall gucken, wie es den Hühnern so geht. Elmar und ich haben auch jeweils eine Hahnpatenschaft von Kunden, das finden wir super. Denn ein paar Hähne gehören in jeden Stall. 

Die Patenschaft ist zwar ohne materiellen Gegenwert, aber je mehr Hähne einen Paten bekommen, desto weniger Küken werden geschreddert.

Solltest du keinen passenden Stall in deiner Nähe gefunden haben, aber trotzdem Interesse an einem Huhn / Hahn in deiner Nachbarschaft haben, kannst Du einfach deine Adressdaten in ein Formular eintragen und schon informieren wir dich, sobald der passende Stall in deiner Nähe gefunden ist. 

Die Eier, die du erhältst, gehören natürlich nicht “deinem” Huhn, sondern sind ein bunter Mix aus dem Stall. Sichergestellt ist aber, dass dein Patenhuhn in dem Stall ist und dass es ihm gut geht.

Mit einem Plattform-Modell spricht man ja mindestens zwei unterschiedliche Zielgruppen an, in Eurem Fall Hühnerhalter und Eierkäufer. Wie findet Ihr die Hühnerstallbesitzer, was ist da Eure Strategie?

Carsten: Ja, das ist gar nicht so einfach, denn wo finde ich Hühnerställe? Die Ställe auf unserer Plattform haben wir meist über private Kontakte angesprochen. 

Wir haben aber mittlerweile gelernt, wie wir die Ställe finden und ansprechen können. Denn häufig bieten private Ställe ihre Eier auf ebay Kleinanzeigen oder im facebook Marketplace an. Desweiteren gibt es bei Facebook riesige Gruppen mit Hühnerhaltern. 

Wir wollen dieses Jahr noch zwei weitere Ställe in Mülheim mit Übergabeort Düsseldorf und in Weeze mit Übergabeort Duisburg aufnehmen. Bisher sind alle in NRW. Wir haben alle selber vor Ort besichtigt, um uns einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. Wir wollen im nächsten Jahr auch außerhalb von NRW wachsen, hierfür suchen wir uns Area Manager, welche dann den Stall begutachten. Die Area Manager erhalten dann einen Betrag pro Vertragsabschluss.

Damit aber jeder Kunde sich auch selber anschauen kann, wo und wie seine Hühner leben, wollen wir unsere Landingpage pro Stall noch um Videos und Fotos erweitern und wir planen den Tag des offenen Stalls. Der ist Anfang 2020 und da können alle Paten und interessierten sich den Stall angucken.

Was ist das Geschäftsmodell hinter der Plattform, wie verdient Ihr damit Geld?

Elmar: Wir schließen mit den Hühnerstallbesitzern einen Vertrag, in dem wir den Preis für eine Patenschaft vereinbaren. Der große Mehrwert für den Stallbesitzer ist dabei, er muss sich bis auf seine Hühner und die Eierlieferung um nichts kümmern. Wir sammeln also das Geld von den Kunden ein und zahlen den Stallbesitzer in Summe aus. 

Wir wickeln alle Zahlungs- und Vertragsmodalitäten ab. Aktuell bieten wir nur Paypal und Überweisungen an, bald aber auch Apple Pay, Google Pay und alle Kreditkarten. 

Wir tragen dafür alle Gebühren und nehmen einen Mehrbetrag dafür. Dieser variiert je nach Stallbesitzer. Für die Patenschaften, welche ja ein Abomodell darstellen, kümmern wir uns, so dass wir ihm ein All-Inklusiv Paket bieten. Von Vertrag über Zahlung bis hin zum Marketing. 

Erzählt ein bisschen was über das Gründerteam. Wer gehört dazu und was ist Euer Background?

Carsten: Ich, Carsten, bin Landwirt und betreibe Landwirtschaft im Familienbetrieb, ich bin schwerpunktmäßig mit Möhren beschäftigt. Aber ich kenne damit alle Landwirte, Preisverhandlungen mit Supermärkten und alle Regeln, die zu beachten sind. Sei es “Was ist der Unterschied zwischen Bio und Freiland” oder aber wer sich damit auskennt.

MeinHuhn – Team

Elmar: Ich arbeite hauptberuflich als gelernter Ingenieur als Abteilungsleiter bei einem Gasnetzbetreiber. Ich kenne mich mit Prozessen, Projekten und digitalen Themen bestens aus und weiß wie man von der Vision bis zur Umsetzung sowas abwickelt. 

Darüber hinaus bin ich Nebenerwerbslandwirt und mit der Landwirtschaft immer verbunden geblieben. Nur bei Social Media haben wir uns mit einem jungen Unternehmer aus Essen, Alex Golz, verstärkt.

Alex: Als ich von dem Projekt erfahren habe war ich sofort begeistert. Da ich selbst erst Anfang des Jahres mit lifegolz events & marketing ein Start-Up ins Leben gerufen habe, hat mich eine Zusammenarbeit sofort interessiert. Es ist ein unglaublich vielseitiges Thema, wo wir uns immer lustigen, als auch spannenden Content einfallen lassen. Ich bin gespannt wie sich MeinHuhn entwickelt und trage sehr gerne meinen Teil dazu bei. Mit unseren Montagsfragen und Videos mit „Hermine“ (einem Huhn aus Elmars Stall) haben wir bisher viele Leute erreicht. Ab 2020 wollen wir dann die verschiedenen Arten vorstellen!

Wenn’s um Nachhaltigkeit geht, wird ja gern genau hingeschaut. Was heißt Nachhaltigkeit für Euch und welche Qualitätsstandards sind für Euch maßgeblich?

Carsten: Für uns heißt es vor allem, dass die Hühner in Kleingruppen leben, so wie es artgerecht ist. Bei uns bekommt der Kunde ein ursprüngliches Produkt und keine standardisierte Massenware. 

Die Hühner leben in Kleingruppen , so wie es artgerecht ist. Bei uns bekommt der Kunde ein ursprüngliches Produkt und keine standardisierte Massenware. 

Carsten Abenhardt, MeinHuhn

Wir erreichen einen besseren Verbraucherschutz dadurch, dass der Kunde den Produzenten kennt und sich vor Ort über die Produktion vergewissern kann. Verbraucherschutz im herkömmlichen Sinne ist dagegen lediglich mit erheblichen bürokratischen Aufwand durch die Dokumentation verbunden, Kleinbetriebe können diese Aufgabe aber gerade nicht erfüllen, da die Bürokratie extreme Kosten hervorruft. Wir wollen aber, dass die höheren Kosten für die Qualität der Ware und das Tierwohl verwendet werden und nicht für die Füllung von Aktenschränken.

Wir sind auch der Meinung, dass der Produzent für seine Ware auch einen vernünftigen Preis erzielen sollen, erst das ermöglicht ihm nachhaltig zu produzieren.

Wo steht Ihr gerade mit Eurem Startup, welche Erfolge habt Ihr schon gefeiert und was sind Eure nächsten Meilensteine?

Elmar: Wir haben Stand Dezember 2019 fünf Ställe auf unserer Seite und über 80 Patenschaften vermarktet. Wir wollen nicht so schnell wachsen, weil wir erstmal Erfahrungen in der Abwicklung und Koordination sammeln wollen. Zu schnelles Wachstum erfordert Standardisierung und dann würden wir unsere “Ursprünglichkeit” verlieren. 

Daher setzen wir auf Wachstum mit Augenmaß. Eigentlich war unser Ziel 250 Patenschaften und 12 Ställe in diesem Jahr. Das haben wir etwas reduziert, nun sollen es sieben Ställe und 100 Patenschaften werden. 

Wir haben inzwischen viele Herausforderungen durchlebt und wollen 2020 behutsam wachsen. Hierfür dienen die Area Manager, Pressearbeit, wie dieses Interview, und Online Marketing von Alex. 

Langfristig wollen wir die führende Plattform für Hühnerhalter werden. Ziel ist es, kontinuierlich Ställe und Kunden zu verbinden, was am Ende dabei rumkommt werden wir sehen. Bisher macht es einfach nur viel Spaß und wir lernen extrem viel!

Carsten: Wir planen aber aktuell noch ein zweites Standbein, welches noch vor Weihnachten an den Start geht: “Meine-Blumenwiese.eu”. Hier kann man für einen Euro pro Quadratmeter Blumenwiesen / Blühstreifen buchen und dafür sorgen, dass wieder wichtige Lebensräume für Insekten geschaffen werden. 

Wir bieten dafür ca. 40.000 Quadratmeter an, welche wir an Firmen und Privatpersonen vermarkten wollen. Auch dieses Modell hat das Ziel, Landwirten alternative Einkommensmöglichkeiten zu geben und sie so in die Lage zu versetzen einen Beitrag für die Umwelt zu leisten. 

Diese Beiträge können aber viel besser geleistet werden, wenn sich viele daran beteiligen und dies auf unbürokratische Weise. Mehr dazu erläutern wir gerne im nächsten Gespräch.

Geschrieben von
Carmen Radeck

Carmen ist Journalistin, Autorin und leidenschaftliche Aktivistin für die Gründerszene im Pott. Seit 2014 betreibt sie das Startup-Portal RuhrGründer.de und ist Mitgründerin von Events wie RuhrSummit, Fuckup Nights Ruhrgebiet und Female Founders Ruhr.

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Geschrieben von Carmen Radeck