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RapidMiner: Wie Venture Capital ein Startup verändert [Interview]

Ralf Klinkenberg, Co-Founder von RapidMiner (Foto: Carmen Radeck)
Carmen Radeck
Verfasst von Carmen Radeck

Interview mit RapidMiner: Wie Venture Capital ein Startup verändert

Mit den Dortmunder Startup-Pionieren Ralf Klinkenberg und Dr. Ingo Mierswa von RapidMiner ist es ein bisschen wie mit Asterix und Obelix und ihrem kleinen gallischen Dorf, das die großen Römer herausfordert.

Im Ranking der führenden Plattformen für Data Science, Predictive Analytics und Data-Mining direkt hinter IBM und SAS mit jeweils weit über 10.000 Mitarbeitern lauert RapidMiner mit den beiden Dortmunder Gründern und einem rund 100-köpfigen Team. Ihr „Zaubertrank“: Eine Mischung aus Pioniergeist, dem richtigen Riecher und Open Source-Mentalität.

Der Hauptsitz von RapidMiner liegt inzwischen zwar in Boston, USA, doch gegründet haben die beiden Spezialisten für maschinelles Lernen ihr Unternehmen vor gut zehn Jahren in Dortmund. Dort ist auch noch immer die Abteilung Forschung und Entwicklung beheimatet, mit rund 30 Mitarbeitern und Ralf Klinkenberg als Head of Data Science.

Ingo Mierswa indessen wechselte nach Boston, wo vor allem Geschäftsführung, Marketing und Vertrieb stationiert sind.

Software für den Eigenbedarf entwickelt

Dass sie einmal mit ihrer eigenen Software so erfolgreich sein würden – mit Kunden wie PayPal, BMW, Cisco, Sanofi oder SalesForce – hatten die beiden Informatiker am Anfang ihrer Selbstständigkeit gar nicht gedacht. Als sie 2006 ihr Unternehmen starteten, verfolgten sie das typische Geschäftsmodell eines IT-Dienstleisters: Schulungen, Beratung, Projektaufträge.

Rund 30 Mitarbeiter arbeiten am Standort Dortmund (Foto: Carmen Radeck)

Dabei hatten sie ihre Software schon während ihrer Zeit als Forscher am Lehrstuhl für Künstliche Intelligenz der TU Dortmund entwickelt und im Laufe der Jahre eine stetig wachsende Nutzerzahl aufgebaut. Ihre Plattform für maschinelles Lernen, die sie anfangs YALE (Yet Another Learning Environment) nannten, entstand zunächst aus Eigenbedarf.

Mit der Entwicklung starteten sie im Jahr 2001 – damals noch ganz ohne grafische Nutzeroberläche – und enschlossen sich bald, daraus ein Open Source Projekt zu machen. Als die Nutzerzahlen von RapidMiner immer weiter stiegen, fragten sich die beiden Gründer, wie andere Open Source-Unternehmen Geld verdienen und boten neben der kostenlosen Version eine kostenpflichtige Enterprise-Version an.

Nach dem anfänglichen Schwerpunkt auf Schulung, Beratung und Projektaufträge, macht das Geschäft mit der Software inzwischen rund 70 Prozent des Umsatzes aus. Doch in den vergangenen fünf Jahren wurde auch im Open Source-Bereich der Wettbewerb deutlich stärker. „Es gibt immer mehr Startups, teilweise mit Millionen Investitionen im Rücken“, sagt Ralf Klinkenberg.

Venture Capital für schnelleres Wachstum

Obwohl ihr Unternehmen profitabel war, entschlossen sich die beiden Gründer, Venture Capital mit aufzunehmen. „Wir waren zwar gut positioniert, weil wir früh dabei waren. Wir hatten aber das Gefühl, dass der Markt sich so schnell entwickelt, dass auch wir schneller wachsen müssen, um die Produktentwicklung schneller voranzutreiben, damit wir vorne mit dabei bleiben.“

Startup-Style bei RapidMiner in Dortmund (Foto: Carmen Radeck)

Inzwischen hat RapidMiner die dritte Finanzierungsrunde gesichert. Gestartet sind sie Ende 2013 mit fünf Millionen Euro von Earlybird aus Berlin und Open Ocean Capital aus Finnland, dem Venture Capital Fund des MySQL-Gründers. Das Invest wurde für die stärkere Etablierung auf dem US-amerikanischen Markt verwendet. In dem Zuge verlegte RapidMiner auch seinen Hauptsitz nach Boston.

Insgesamt hat das Unternehmen rund 36 Millionen Dollar Venture Capital eingesammelt. In der zweiten und dritten Finanzierungsrunde kamen neben den beiden ersten Investoren noch drei weitere hinzu. Standorte hat RapidMiner neben Boston und Dortmund auch in London und Budapest.

Interview mit Ralf Klinkenberg, Co-Founder von RapidMiner

Was passiert, wenn Investoren mit an Bord eines Startups kommen? Wie verändert sich das Unternehmen? Im Interview erzählt Ralf Klinkenberg, welche Erfahrungen er und sein Mitgründer bei der Investorensuche gemacht haben und was die Millionenfinanzierung für das Unternehmen bedeutete.

Wie sind Sie an die Investorensuche herangegangen? Haben Sie sich Beratung geholt?

Wir haben sehr viel recherchiert, aber keine externe Beratung engagiert. Was wir schon gemacht haben, als es ernst wurde, war, dass wir gute Anwälte dazu holten. Und die sind richtig teuer.

Aber man muss natürlich bedenken: Wenn es um ein Millionen-Investment geht und die Gegenseite die besten Anwälte hat, dann möchte man nicht irgendeinen Wald- und Wiesenanwalt, der so etwas noch nie gemacht hat. Da braucht man schon jemanden, der genau weiß, bei welchen Klauseln man aufpassen muss, was marktüblich ist und wo man verhandeln kann.

Es gibt bestimmte Klauseln, die muss man einfach akzeptieren, da gibt es nichts zu verhandeln. Es heißt zwar Risikokapital, aber was Investoren wollen, ist, sich gegen alle möglichen Risiken abzusichern. Wenn es nicht so laufen sollte, wie alle erwarten, sind die Investoren die ersten, die ausbezahlt werden, und ganz am Ende stehen die Gründer. Das muss auch klar sein.

Dann gibt es andere Klauseln, darüber sollte man als Gründer nachdenken. Zum Beispiel die Drag-along-Klausel, also wenn die Investoren irgendwann sagen: „Das Unternehmen hat sich toll entwickelt, wir wollen jetzt verkaufen“ und man als Gründer verpflichtet ist, seine Anteile mitzuverkaufen.

Über so etwas kann man verhandeln. Je nachdem, wie spannend das Startup ist, und wie sehr die Investoren sich daran beteiligen wollen, desto eher sind sie bereit, ein paar Pillen zu schlucken.

Bei Google zum Beispiel haben die Gründer die Stimmenmehrheit ausgehandelt, obwohl sie gar nicht die Mehrheit der Anteile haben. Das sind Dinge, die können sich die wenigsten erlauben. Da muss man schon ein sehr spannendes Produkt haben und Investoren, die das auch verstehen und bereit sind, trotzdem einzusteigen.

Wir haben auch ein paar Sachen ausgehandelt, die gut für uns waren, haben aber auch Dinge geschluckt, wie die meisten anderen auch.

Was hat sich für RapidMiner verändert, als Venture Capital dazukam?

Es hat sich viel verändert. Vorher saßen wir beiden Gründer zusammen und trafen eine Entscheidung, die dann sofort umgesetzt wurde. Heute gibt es ein Board-Meeting mit den Investoren, in dem die Entscheidung gemeinsam diskutiert und darüber abgestimmt wird.

Dabei entscheiden die Mehrheitsverhältnisse. Wenn man als Gründer die Mehrheit hat, kann man notfalls eine Entscheidung noch durchdrücken, aber man möchte die Investoren ja auch nicht verstimmen. Sie könnten schließlich auch aussteigen.

Man kann als Gründer also nicht mehr so freihändig agieren, hat aber auch die Expertise der Investoren. Deswegen sollte man sie sich gut aussuchen.

Worauf sollten Startup-Gründer achten, wenn sie sich auf Investorensuche begeben?

Auch wenn man sehr intensiv nach Investoren auf der Suche ist, sollte man nicht nur mit einem reden, sondern mit möglichst vielen. In den Gesprächen sollte man genau darauf achten, ob auch die Chemie mit den Leuten stimmt. Man muss schließlich mit ihnen zusammenarbeiten, sie dürfen mitreden und mitentscheiden oder schlimmstenfalls einem sogar Vorschriften machen, je nachdem wie die Mehrheitsverhältnisse sind.

Dann sollte man sich fragen, ob es auch von den Erfahrungen und von dem Netzwerk her passt. Dass die Investoren Geld mitbringen, ist das eine, das andere ist aber die Expertise, die sie beisteuern. Deswegen sollte man genau darauf achten, ob sie auch andere Unternehmen in dem Bereich unterstützen.

Für uns beispielsweise passte Open Ocean so gut, weil sie sich mit Software und vor allem mit Open Source Business-Modellen auskennen. Das ist auch von der Mentalität her sehr wichtig. Die Suche nach Investoren ist sehr stark mit Gesprächen verbunden. Auch darüber, was die Vision angeht und natürlich wieviel Geld es für welche Anteile gibt.

Haben Sie noch einen Tipp für Startups, die Venture Capital aufnehmen möchten?

Zunächst mal kann ich nur jedem raten, vorher mit vielen Leuten zu reden, vor allem mit größeren und erfolgreichen Startups, die Investoren mit an Bord haben. Man sollte versuchen, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie Investoren ticken, was sie denken, wonach sie suchen.

Man sollte wissen, welche Kennzahlen stimmen müssen. Die schauen sich natürlich alles an, da wird alles einmal umgekrempelt. Deshalb sollte man die Buchführung und alle Verträge sauber haben. Das sind alles Dinge, die viel Zeit kosten, die sich am Ende aber lohnen, wenn man schnell wachsen will.


Dieser Beitrag (gekürzt) erschien zuerst in RuhrGründer – Der Guide für Gründer und Startups im Ruhrgebiet. Das 200 Seiten starke Buch beleuchtet anhand von Gründerstorys die rasante Entwicklung der Startup-Szene im Ruhrgebiet. Eine spannende Lektüre für alle ambitionierten Gründerinnen und Gründer, die ihr Startup im Revier aufbauen wollen.

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Über den Autor

Carmen Radeck

Carmen Radeck

Carmen Radeck ist Journalistin und Gründerin von RuhrGründer. Ihre Leidenschaft ist es, Geschichten von Menschen zu erzählen, die ihr eigenes Ding machen, dafür brennen und bereit sind, jedes Risiko einzugehen.
So entstand die Idee zum Gründerblog RuhrGründer, der 2014 mit Storys über Gründer und Startups aus dem Ruhrgebiet online ging und sich inzwischen zum Szene-Portal entwickelt hat. Als Mit-Initiatorin der Datenbank StartupsRuhr.de und von Events wie dem RuhrSummit und den Fuckup Nights Ruhrgebiet ist sie aktiver Bestandteil der Gründerszene Ruhr.
Carmen berät Unternehmen in Sachen Content Marketing und Social Media. Sie kommt aus Essen, lebt in Kamen und ist im Ruhrgebiet zuhause.

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