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Was Online-Gründer über VATMOSS wissen sollten

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Ab 2015 bringt VATMOSS neue Spielregeln für Online-Gründer

Gastbeitrag von Stephan Hochhaus

Anderthalb Jahre ist es nun her, dass Angela Merkel das Internet als Neuland bezeichnet hat. Die kreative Anarchie der frühen Jahre weicht einer immer stärkeren Regulierung des weltweiten Netzes. Auch 2015 kommen neue Regelungen auf uns zu, die vor allem Anbieter digitaler Güter vor eine Herausforderung stellen.

VATMOSS Dave Walker

Cartoon von Dave Walker – http://davewalker.cc/vatmoss-cartoon/

Branchengrößen wie Amazon oder Apple haben es jahrelang verstanden, bestehende Gesetze zu ihrem Vorteil auszulegen. Für ihr Geschäft in Europa gründeten sie ihren Firmensitz in dem Land, wo die Steuerlast am geringsten war, so dass vom Verkauf ihrer Waren und Dienstleistungen mehr netto vom brutto blieb. Die europäische Kommission und der deutsche Bundesrat haben beschlossen, dass ab dem 1.1.2015 eine neue Steuerregelung eingeführt wird, um den kreativen Steuertricks der Großen Einhalt zu gebieten. Die Regelung gilt unabhängig vom Sitz des Anbieters, also auch für Unternehmen in den USA, China oder Russland. Leider bringt sie auch jede Menge Unannehmlichkeiten vor allem für kleine Anbieter und Gründer.

Wer ist betroffen?

Bis zum Jahr 2014 gilt, dass alle im Internet angebotenen digitalen Güter im Land des Anbieters versteuert werden. Digitale Güter sind unter anderem:

  • eBooks
  • Musikdownloads
  • Software
  • Kostenpflichtige Newsletter
  • Online-Trainings
  • Webhosting
  • Datenbanken und Suchmaschinen

Solange der Kunde seine Waren nur über das Internet und nicht auf CD oder USB-Stick erhält, gelten für den Anbieter ab 2015 neue Spielregeln. Sämtliche Einnahmen, die von Privatkunden aus dem EU-Ausland erwirtschaftet werden, sind dann nicht mehr im Land des Anbieters zu versteuern, sondern im Land des Kunden. Im Falle von Amazon bedeutet die Neuregelung, dass künftig alle EU-Staaten etwas davon haben, wenn ihre Bürger dort einkaufen. Dafür muss Amazon jedoch auch in allen Staaten eine Steuererklärung abgeben. Was für Amazon gilt, findet leider auch Anwendung für Otto Normalanbieter, der die Songs seiner Band auf der eigenen Homepage zum Download anbietet.

Die Regelung ab 2015

Alle Anbieter digitaler Güter müssen ab 2015 für ihre Kunden nachweisen, aus welchem Land sie stammen und entsprechend Steuern in den jeweiligen Ländern abführen. Theoretisch müssten sie sich dazu in allen 28 EU-Staaten steuerlich registrieren. Glücklicherweise hat die Politik diesen Wahnsinn bereits im Vorfeld entschärft, in dem sie die sogenannten Mini One Stop Shops (kurz: MOSS) ins Leben gerufen hat. Dort können sich alle Unternehmen registrieren und ihre Steuererklärung gegenüber einer einzigen Stelle vornehmen.

Die Anforderungen an Anbieter

Wer seine Waren nicht über große Marktplätze wie Amazon oder den Apple Store anbietet, sondern einen eigenen Shop betreibt, muss neben der Registrierung bei MOSS oder allen Mitgliedstaaten auch einen Nachweis über die Herkunft seiner Kunden führen. Dazu gilt es, für alle Kunden zwei unabhängige Beweise über deren Herkunft zu sammeln und mindestens zehn (10!) Jahre lang aufzubewahren. Als Beweise für das Land eines Kunden gelten allgemein:

  • Rechnungsadresse des Kunden
  • Standort der IP-Adresse des Kunden
  • Sitz der Bank des Kunden
  • Ländercode der verwendeten SIM-Karte
  • Land des verwendeten Festnetzanschlusses
  • Andere kommerziell relevante Informationen

Wie in allen Steuergesetzen gibt es zahlreiche Ausnahmeregelungen, welche die Umsetzung der neuen Regeln erheblich erschweren. Kunden, die in einem Zug von Frankreich nach Deutschland sitzen, werden unabhängig vom Aufenthaltsort zum Zeitpunkt des Kaufs in Frankreich besteuert. Befindet sich ein Pole im Hotel in Spanien, wird beim Kauf die spanische Mehrwertsteuer fällig.

Hat man noch relativ einfach Zugriff auf die IP-Adresse des Kunden, so ist die Ermittlung der anderen Faktoren schwierig bis unmöglich. Wer einen externen Zahlungsanbieter wie Paypal, Stripe oder Paymill nutzt, kennt die Bankdaten seines Kunden gar nicht. Vor dem Hintergrund der hohen Auflagen zur Speicherung von Zahlungsinformationen wird sich hieran womöglich auch nichts ändern. Somit kennt ein Anbieter den Ort seines Kunden – und damit den anzuwendenden Mehrwertsteuersatz – häufig erst beim Bezahlvorgang an der Kasse bzw. dem externen Dienstleister.

Die technische Umsetzung dieser Regelung stellt große Anbieter vor einige Herausforderungen, für viele kleine Anbieter wird es nahezu unmöglich. Ein Ausweg wäre, auf die Marktplätze von Amazon und Co. auszuweichen, doch für viele Gründer ist das nicht akzeptabel, sind doch die Margen hier vergleichsweise gering.

Die Auswirkung für Kunden

Wenn in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Steuersätze gelten, müssen Unternehmer ihre Preise überdenken. Bietet Otto das Album seiner Band für 9,99 Euro an, so erhält er in Deutschland noch 8,09 Euro. Kauft ein Kunde aus Malta sein Album, so erhält er sogar noch 10 Cent mehr, doch in den meisten anderen Staaten bleibt weniger übrig. Kunden aus Ungarn drücken seinen Umsatz auf 7,29 Euro.

Ein kleiner Überblick über Steuersätze in der EU ab dem 1.1.2015 und was von den 9,99 Euro Bruttopreis bleibt.

Land Steuersatz Nettopreis Bruttopreis Differenz
Malta 18%  8,19 €  9,99 €  0,10 €
Deutschland 19%  8,09 €  9,99 €  –   €
Österreich 20%  7,99 €  9,99 € -0,10 €
Niederlande 21%  7,89 €  9,99 € -0,20 €
Polen 23%  7,69 €  9,99 € -0,40 €
Dänemark 25%  7,49 €  9,99 € -0,60 €
Ungarn 27%  7,29 €  9,99 € -0,80 €

Das bedeutet für die Preiskalkulation entweder, dass Verkäufer unterschiedliche Gewinnmargen einkalkulieren müssen, so dass der angezeigte Endpreis zwar immer gleich bleibt, aber der Gewinn stark schwankt. Was für den Kunden scheinbar vorteilhaft ist, weil deutlich komfortabler als wechselnde Preise, dürfte mittelfristig eine Preissteuerung mit sich bringen. Auch bei Apple und Amazon zeichnet sich dies bereits ab.

Die Alternative wäre, Kunden aus unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Endpreise anzuzeigen. Abgesehen davon, dass die wenigsten Shop-Systeme hierzu technisch nicht in der Lage sind, ist auch die Benutzerfreundlichkeit mehr als fragwürdig. Bevor ein Preis angezeigt werden kann, müsste zunächst das Land des Käufers ermittelt werden. Conversion-Rates, also die Zahl der tatsächlich kaufenden Kunden, sinken mit jedem notwendigen Klick, so dass die bestmögliche Variante der Einheitspreis mit variierenden Margen sein dürfte.

Unterm Strich

Was unter der Bezeichnung #VATMOSS zunächst als gelungene Regelung für die Besteuerung multinationaler Konzerne daherkommt, könnte sich schon bald als Bärendienst oder auch #VATMESS für die digitale Gründerszene erweisen. Technische Unklarheiten und mangelnde Rechtssicherheit lassen das Internet auch 2015 immer noch wie politisches Neuland wirken. Eine Anfrage an die IHK Mittleres Ruhrgebiet offenbarte, dass man sich dort mit dem Thema nicht auskennt und auch keine Beratung plant, da es laut eigenen Angaben zu komplex ist. Digitale Unternehmen im Ruhrgebiet sind auf sich alleine gestellt.

Eine gute Nachricht am Rande: Wer nur an Geschäftskunden verkauft, muss sich mit der neuen Steuerregelung nicht auseinandersetzen, solange er die Umsatzsteuernummer seiner Kunden erfasst. Alle B2C-Unternehmen werden jedoch nicht darum herumkommen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Spätestens im April 2015, wenn die erste Steuererklärung für Einnahmen aus dem EU-Ausland fällig wird.


Stephan Hochhaus (Foto: privat)

Stephan Hochhaus (Foto: privat)

Über Stephan:

Nach seinem Germanistikstudium ist Stephan vor über einem Jahrzehnt in die IT-Welt abgetaucht. Nach vielen Jahren in großen, internationalen Projekten hat er sich 2013 im Rahmen des Bochumer Gründerwettbewerbs Senkrechtstarter selbstständig gemacht. Er taucht bei diversen Tech-Meetups im Ruhrgebiet auf und schreibt momentan an einem Buch über die Entwicklung von Webanwendungen mit Meteor.

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