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NEST: Bochumer Gründerin macht aus ihrem Blog ein wunderschönes Print-Magazin

Foto: Inga Schnepel

In unserem wunderbaren digitalen Zeitalter ist es ja eigentlich so, dass immer mehr Print-Magazin oder Zeitungen zu Online-Medien werden. Inga Schnepel ist den umgekehrten Weg gegangen. Vor fünf Jahren startete sie ihren Blog Nest Mag zunächst als reines Online-Projekt über alternative Wohnkonzepte. Daraus hat die Bochumerin jetzt ein wunderschönes Print-Magazin entwickelt, das gerade ganz frisch erschienen ist.

Worum es im NEST Magazin geht und warum sie sich für den Schritt von Online zu Print entschieden hat, darüber habe ich mit Inga im Interview gesprochen.


NEST Magazin: Geschichten von Menschen, ihren Wegen und persönlichen vier Wänden

Hallo Inga, vor fünf Jahren hast Du NEST MAG als Blog gestartet und jetzt das NEST Magazin ganz frisch als Print-Magazin ausgebaut. Erzähl erstmal, worum es in dem Magazin geht.

Vereinfacht gesagt, um das Wohnen und Leben von Menschen auf der ganzen Welt. Dabei geht es weniger darum, wie schick Menschen wohnen oder welchen hippen Lebensstil sie pflegen, sondern es geht ganz einfach darum, was Menschen ihr Zuhause bedeutet, warum ihr Zuhause so ist wie es ist, warum es gerade dort ist, wo es ist. Viele von uns können selbst wählen, wo und wie sie leben möchten, doch es gibt auch viele Menschen, die genau dies nicht können. Wir erzählen im Heft Geschichten von ganz unterschiedlichen Menschen, ihren ganz individuellen Wegen und persönlichen vier Wänden.

Der Fokus liegt dabei auf Geschichten von Menschen, deren Lebensweg und Wohnsituation von der Masse abweichen. Das kann mal ein Folk-Sänger sein, der mit seinen Hühnern auf seinem selbstgebastelten Hausboot Australiens Flüsse unsicher macht, oder aber ein irisch-belgisches Pärchen, deren Nest nicht nur ein Zuhause, sondern vielmehr ein architektonisches Experiment zur Erforschung eines minimalistischen Lebensstils im urbanen Umfeld ist.

Viele von uns können selbst wählen, wo und wie sie leben möchten, doch es gibt auch viele Menschen, die genau dies nicht können. Wir erzählen im Heft Geschichten von ganz unterschiedlichen Menschen, ihren ganz individuellen Wegen und persönlichen vier Wänden.

Inga Schnepel

In der ersten Ausgabe schreibt eine junge Niederländerin über ihr Leben in einer Höhle in Marokko. Doch sprach die Fotografin Heike Pirngruber, die gerade in Afrika mit dem Rad unterwegs ist, auch mit einigen Bewohner der liberianischen Hauptstadt Monrovia über ihr Leben in der vom Bürgerkrieg gezeichneten Stadt. Die Geschichten sind sehr divers. Wichtig ist mir, dass sie ehrlich und nicht glattgebügelt sind.

Was hat Dich dazu bewogen aus dem reinen Online-Projekt ein Print-Produkt zu machen?

Die Entscheidung, das NEST Magazin zu drucken, hat für mich persönlich das Projekt auf eine ganz neue Ebene gehoben. Vorher habe ich das Projekt eher nebenbei verfolgt, dann und wann wurde einmal ein Artikel veröffentlicht. Und nun gibt es diesen selbstauferlegten Druck, dass im Halbjahresrhythmus immer wieder ein neues Heft erscheinen muss. Alles ist nun offiziell geregelt und organisiert. Das Projekt hat für mich enorm an Ernsthaftigkeit gewonnen.

Gleichzeitig konnte ich mich schon immer für gedruckte Magazine begeistern. Seit meiner Jugend habe ich Wohnzeitschriften über Wohnzeitschriften gehortet, durchgeblättert, zerschnitten, neu zusammengeklebt, Collagen damit gebastelt. Das Thema Wohnen und Leben hat mich immer interessiert, doch habe ich irgendwann festgestellt, dass die Art, wie mit dem Thema in den Zeitschriften umgegangen wurde, nicht dem entsprach, was ich eigentlich als Kern sah. Zudem gab es immer diese Distanz zu den Protagonisten. Meist wurden aufgeräumte, gestylte Wohnungen gezeigt, die vermutlich recht wenig mit der Realität der dort Lebenden zu tun hatten. Das wollte ich mit dem NEST Magazin anders angehen.

Inga Schnepel

Wenn man sich dazu entscheidet, ein Printprodukt auf den Markt zu bringen, dann bringt man unweigerlich eine ganze Menge Papier auf den Markt. Mit dieser Tatsache habe ich mich noch nicht endgültig abgefunden. Das Magazin wird zwar ausschließlich auf FSC-zertifiziertem Papier gedruckt, dennoch ist der Materialverbrauch natürlich enorm. Wäre es beim Blog geblieben, wäre dieser hohe Verbrauch an Papier vermeidbar gewesen.

Deshalb habe ich mich dazu entschieden, die Inhalte auch weiterhin online zugänglich zu machen. Von Zeit zu Zeit werden Leser die Gelegenheit haben, einen Artikel kostenlos abzurufen, doch die meisten Geschichten werden Online-Abonnenten vorbehalten bleiben. Wie beispielsweise auch Krautreporter, Missy Magazin und Titanic nutze ich dafür die Plattform Steady. Diese macht es den Lesern sehr leicht, sich für ein Online-Abo zu registrieren.

Was war das für ein Gefühl, zum ersten Mal durch Dein eigenes Magazin zu blättern?

Das Gefühl war mehr als seltsam. Natürlich hatte ich vorher schon Probedrucke und die Proofs von der Druckerei in der Hand, doch das erste fertige Magazin aus dem Karton zu nehmen, war surreal. Ich kenne alle Texte in- und auswendig, jedes Foto bis ins letzte Detail. Irgendwann verliert man ein wirkliches Gefühl für das Magazin. Ich musste mich einige Tage an den Anblick der vielen Kartons gewöhnen. Doch nun ist das Heft richtig angekommen, auch in meinem Kopf.

Es war nicht einfach, das alles auf die Beine zu stellen, insbesondere auch, weil meine Arbeitszeit zurzeit durch unsere noch recht kleinen Zwillinge stark begrenzt ist. Den Start in die Selbstständigkeit mit dem Familienleben zu kombinieren, ist manchmal eine ziemliche Herausforderung. Ohne die Unterstützung von so vielen Lieben Menschen in meinem Umfeld, wäre dieses Projekt so nicht möglich gewesen.

Hochwertige Print-Magazine sind ja ziemlich angesagt, andererseits steckt der Journalismus in der Krise. Wie schätzt Du das ein und wie gehst Du damit um?

Natürlich mache ich mir Gedanken darüber, ob das NEST Magazin dauerhaft die Leser finden wird, die es zum Überleben braucht. Das wird sich erst mit der Zeit zeigen. Ich selbst lese beispielsweise Romane auf meinem E-Book-Reader oder scrolle durch verschiedene Blogs und Online-Zeitungen.

Foto: Inga Schnepel

Doch wenn ich mir etwas Gutes tun möchte, mir Zeit nehme, dann habe ich gerne etwas Gedrucktes in der Hand. Das Empfinden beim Lesen ist einfach ein anderes. Und ich denke, dass es nicht nur mir so geht. Mein Ziel ist es nicht, immer mehr Leser zu gewinnen, immer größer zu werden. Ziel ist es, einen Punkt zu erreichen, an dem es möglich ist, das Magazin auf dem Markt zu halten.

Dennoch darf man sich der Tatsache nicht verschließen, dass immer weniger gedruckte Magazine gekauft werden und selbst viele große Verlage ihre Produktionen einstampfen, da immer mehr online gelesen wird. Das ist ein weiterer Grund, warum das NEST Magazin im Netz zu finden sein wird.

Wie finanzierst Du das Projekt in der Anfangsphase?

Für mich war immer klar, dass ich keinen Kredit in der Gründungsphase aufnehmen möchte. Ich habe lange Zeit in einer sehr kleinen und unfassbar günstigen Wohnung in Bochum gelebt und hatte die Möglichkeit, durch einen sparsamen Lebensstil mein Startkapital über viele Jahre aufzubauen. Hätte ich einen Kredit aufgenommen, gäbe es das NEST Magazin vielleicht schon seit einigen Jahren. Aber das war nicht mein Weg. So fühlt es sich für mich nun richtig an.

Erzähl ein bisschen was über die Menschen, die hinter dem NEST Magazin stehen. Machst Du das allein oder hast Du ein Team?

Hinter dem NEST Magazin stehen natürlich viele verschiedene Menschen, auch wenn ich als Einzelunternehmerin die Fäden in der Hand halte. Einige Autoren kenne ich noch aus der Zeit des Blogs, andere Kontakte haben sich während des letzten Jahres ergeben. Auch Freunde und Familie haben bei der ersten Ausgabe fleißig unterstützt.

Foto: Inga Schnepel

Letztlich fungiere ich momentan als Schaltzentrale für alles, was anfällt. Ich koordiniere, suche nach Themen, Autoren, Fotografen, schreibe und fotografiere auch selbst. Vertrieb und Marketing liegen momentan ebenfalls ausschließlich bei mir. Ich bin sozusagen das Mädchen für alles.

Ich mag es sehr, ganz unterschiedlichen Tätigkeiten nachzugehen, nicht nur das eine, sondern auch das andere machen zu müssen, und auch zu dürfen. Doch auf Dauer ist es sicherlich sinnvoll, einige Aufgaben aus der Hand zu geben.

Was war die größte Herausforderung für Dich als Gründerin und wie bist Du sie angegangen?

Eine große Herausforderung war, sich auf dem langen Weg bis zum gedruckten Heft nicht entmutigen zu lassen. Es gab immer wieder Phasen, in denen ich dachte, dass das ganze Projekt ausschließlich Zeit, Nerven und Geld kostet und letztlich unser Familienleben zu sehr strapaziert.

Foto: Inga Schnepel

Doch in ruhigen Momenten, wenn ich die Zeit finde, über das nachzudenken, was ich im letzten Jahr im Rahmen der Produktion erfahren habe, welche Menschen ich getroffen und wie sich mein Blickwinkel verschoben hat, dann weiß ich, dass es all die Mühe wert gewesen ist.

Was steht als nächstes an? Arbeitest Du schon am neuen Heft oder was sind Deine Pläne?

Momentan stecke ich mitten in Marketing und Vertrieb, doch die zweite Ausgabe ist natürlich schon in der Planung. Einige Geschichten stehen schon fest, wie beispielsweise über Bettina, die einen alten Schiffscontainer für einen Euro bei eBay ersteigerte und daraus ein kleines Häuschen baute, oder über eine Permakulturfarm von drei jungen Männern in der Normandie.

Foto: Inga Schnepel

Am 6. Mai 2020 wird die zweite Ausgabe dann veröffentlicht.

Geschrieben von
Carmen Radeck

Carmen ist Journalistin, Autorin und leidenschaftliche Aktivistin für die Gründerszene im Pott. Seit 2014 betreibt sie das Startup-Portal RuhrGründer.de und ist Mitgründerin von Events wie RuhrSummit, Fuckup Nights Ruhrgebiet und Female Founders Ruhr.

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